Wenn Pro­fes­so­ren von der Uni fliegen

Die vier Jour­na­lis­ten des Stun­den­ma­ga­zins „Doxa“ stehen seit Früh­jahr 2021 unter Haus­ar­rest Shut­ter­stock-ID: 2050665365 Elena Rostunova

Der Rektor einer pri­va­ten rus­si­schen Uni­ver­si­tät ist in Haft, Pro­fes­so­ren einer staat­li­chen Uni werden ent­las­sen, ein US-Dozent wird des Landes ver­wie­sen. Die Vor­fälle häufen sich und illus­trie­ren den poli­ti­schen Druck auf das Bil­dungs­we­sen in Russ­land. 

Manch einem bleibt offen­bar nur noch der Griff zur Bibel. „Selig sind die, die Ver­fol­gung leiden, um der Gerech­tig­keit willen, denn ihrer ist das Him­mel­reich“, schrieb Gennadi Jes­sa­kow vor einigen Tagen in seinem Twitter-Account. Damit machte der Jura­pro­fes­sor seine Ent­las­sung aus der Mos­kauer Higher School of Eco­no­mics (HSE) bekannt, einer Uni­ver­si­tät für Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, die nach dem Zerfall der Sowjet­union als Reform­hoch­schule gegrün­det worden war und über die Jahre hinweg unkon­ven­tio­nell den­kende Dozen­tin­nen und Dozen­ten ange­zo­gen hatte. Aus per­so­nal­tech­ni­schen Gründen darf sich Jes­sa­kow nicht weiter zu seinem Weggang äußern. Es bleibt ledig­lich der Spruch aus dem Matthäus-Evangelium.

Portrait von Inna Hartwich

Inna Hart­wich ist freie Jour­na­lis­tin und lebt in Moskau.

 

Der Staat duldet Abweich­ler immer weniger

Fast ein Jahr­zehnt lang hatte der 43-Jährige an der HSE Justiz- und Straf­rechts­we­sen unter­rich­tet, hatte Russ­lands Jus­tiz­sys­tem vor allem nach der Ver­fas­sungs­re­form von 2020 scharf kri­ti­siert. Der Staat aber, der immer mehr Berei­che unter seine Kon­trolle bringt, duldet immer weniger „Abweich­ler“, er fordert viel­mehr Loya­li­tät, auch von denen, die an Hoch­schu­len unterrichten.

 

Jes­sa­kow ist nicht der einzige Pro­fes­sor der „Wyschka“, wie die HSE in Russ­land lie­be­voll genannt wird, der in seinen wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten Kritik am poli­ti­schen System seines Landes geübt hat. Er ist auch nicht der einzige, dem die Ver­wal­tung der Hoch­schule schließ­lich Ent­las­sungs­pa­piere geschickt hat. Der offi­zi­elle Grund: Umstruk­tu­rie­rung. Getrof­fen hat es vor allem die, die einen abwei­chen­den Stand­punkt von der offi­zi­el­len poli­ti­schen Linie ver­tre­ten: Dozen­ten, die sich der patrio­ti­schen Kon­so­li­die­rung der Bildung ent­zie­hen und in den Augen des Staates somit gefähr­lich sind. 

 

Der Staat kämpft um die Wahr­heit, wie er die Wahr­heit sieht. Andere Sze­na­rien duldet er nicht. Frei­den­kende Men­schen sind in seinem Ver­ständ­nis Revo­lu­tio­näre“, sagt Kirill Mar­tynow. Der Poli­tik­chef der unab­hän­gi­gen „Nowaja Gaseta“ hat an der „Wyschka“ Phi­lo­so­phie unter­rich­tet. 13 Jahre lang. Er hält sie für die beste Ein­rich­tung, die es seit den 1990ern im Land gibt. Wie lange sie das bleiben könne? Mar­tynow ist skep­tisch und meint, die HSE mutiere langsam zu einer „guten, aber völlig gewöhn­li­chen, post­so­wje­ti­schen staat­li­chen Uni“. 

 

Es war gerade das Unge­wöhn­li­che dieser Hoch­schule, das den Phi­lo­so­phen aus Sibi­rien stets begeis­tert hatte: eine freie Atmo­sphäre, enga­gierte Stu­den­ten, kri­ti­sche Geister. „Doch dann wurde ich ‚umstruk­tu­riert‘“. Das Stu­die­ren­den­ma­ga­zin „Doxa“, das Mar­tynow als Dozent beglei­tete, war zu dem Zeit­punkt bereits an der Uni ver­bo­ten, einige seiner Mache­rin­nen und Macher stehen bis heute unter Haus­ar­rest, zwei Stu­den­ten der HSE mussten die Hoch­schule ver­las­sen, weil sie sich poli­tisch enga­gier­ten. Mar­tynow ließ solche auf­se­hen­er­re­gen­den Ereig­nisse auch als Dozent nie unkom­men­tiert. In Russ­land mit seinem feu­da­len System, in dem Leh­rende auch für die Taten ihrer Stu­den­ten ver­ant­wort­lich gemacht werden, gerie­ten Mar­tynow und weitere HSE-Dozen­ten unter Druck – bis zur Kün­di­gung. „Ein per­sön­li­ches Trauma“, sagt der 40-Jährige.

Listen von Unzu­ver­läs­si­gen und Geheimdienstberater

Ange­fan­gen hatte es im Winter vor zwei Jahren. Kol­le­gen spra­chen ihn darauf an, sich in seinen sozia­len Netz­wer­ken zu mäßigen, es gebe Gerüchte, dass er auf einer Liste der „Unzu­ver­läs­si­gen“ stehe. Ob solche Listen tat­säch­lich exis­tie­ren, weiß Mar­tynow nicht. Doch seit der Hoch­schule ein neuer Rektor vor­steht, ein weniger unbe­que­mer als sein Vor­gän­ger, häufen sich an der Ein­rich­tung offen­bar auch Berater „ohne Bio­gra­fie“: Uni-Mit­ar­bei­ter, über deren wis­sen­schaft­li­che Kar­riere sich nichts aus­fin­dig machen lässt. Nach Recher­chen von rus­si­schen Medien handelt es sich dabei um Kura­to­ren von Seiten des Geheim­diens­tes FSB. „An der HSE herrscht nun eine Atmo­sphäre der Angst. Viele, die dort noch unter­rich­ten, sind ent­täuscht und leben in Sorge, was noch kommen könnte“, erzählt Mar­tynow. 

 

In Sorge ist die aka­de­mi­sche Welt auch um den Rektor der pri­va­ten Mos­kauer Schan­inka-Uni­ver­si­tät, eben­falls eine Hoch­schule für Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Dem 67-jäh­ri­gen Sergej Sujew wird vor­ge­wor­fen, 21 Mil­lio­nen Rubel, umge­rech­net etwa 250.000 Euro, an staat­li­chen Pro­jekt­gel­dern ver­un­treut zu haben. Zu einem mehr­stün­di­gen Verhör hatten die Behör­den den herz­kran­ken Sujew direkt aus dem Kran­ken­haus geholt. Nach zunächst ange­ord­ne­tem Haus­ar­rest befin­det sich Sujew nun in Unter­su­chungs­haft. Am 22. Dezem­ber wurde er wegen akuten Blut­hoch­drucks in ein Kran­ken­haus verlegt, nur eine Woche später war er wieder im Unter­su­chungs­ge­fäng­nis. Bei seinem Treffen mit dem Men­schen­rechts­rat sagte Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Putin, er sehe „keine Not­wen­dig­keit, Sujew hinter Gittern zu halten“. 

 

Der Fall Sujew zeigt, wie ver­wund­bar Ver­tre­ter von Insti­tu­tio­nen sind, die inmit­ten einer kon­for­mis­ti­schen Gesell­schaft und eines starren poli­ti­schen Systems ver­su­chen, ihren Grund­sät­zen treu zu bleiben. Die Schan­inka, nach dem pol­nisch-bri­ti­schen Sozio­lo­gen Teodor Shanin benannt, wurde – eben­falls wie die HSE – in den 1990er Jahren gegrün­det. Anders als die HSE ist sie privat orga­ni­siert und arbei­tet seit den Anfän­gen mit der Uni­ver­si­tät Man­ches­ter zusam­men. Die Zugangs­vor­aus­set­zun­gen sind hart, die Ein­rich­tung mit mehr als 2000 Stu­den­ten gilt als Hort der Welt­of­fen­heit – und ist den Behör­den wegen ihrer Ori­en­tie­rung an west­li­chen Idealen bereits länger ein Dorn im Auge. 2018 hatten sie der Schan­inka bereits die Akkre­di­tie­rung ent­zo­gen. 2020 bekam die Uni­ver­si­tät diese zurück. Viele, die dort lehren, kom­men­tie­ren in unab­hän­gi­gen Medien das Gesche­hen im Land. Sie tun das oft mit Kritik am Kreml. 

Im Hin­ter­grund tobt ein Streit zwi­schen einer Groß­bank und einem Buchverlag

Sujew ist der sechste Ver­däch­tige in einem undurch­sich­ti­gen Fall, in dessen Mit­tel­punkt die frühere Vize-Bil­dungs­mi­nis­te­rin Marina Rakowa steht. Für eine Stif­tung, die zu 100 Prozent dem Bil­dungs­mi­nis­te­rium unter­stand, hatte die Schan­inka zwei Ver­träge zu erfül­len. Die Arbei­ten dafür habe die Hoch­schule nicht gemacht, das Geld aber ein­kas­siert. So sagen es die Ermitt­ler. Gegen Rakowa und ihren Ehemann sowie gegen zwei Stif­tungs­mit­ar­bei­ter und auch eine Mit­ar­bei­te­rin der Schan­inka laufen eben­falls Ver­fah­ren. 

 

Sujew ist offen­bar zwi­schen die Fronten der größten rus­si­schen Bank „Sber“ (früher Sber­bank), bei der Rakowa nach ihrem Weggang aus dem Minis­te­rium für Bil­dungs­pro­gramme zustän­dig war, und dem Verlag „Auf­klä­rung“, der für Schul­bü­cher zustän­dig ist, geraten. Schul­bü­cher bringen viel Geld ein, Rakowa hatte immer wieder Kon­flikte mit dem Verlag, als sie noch im Bil­dungs­mi­nis­te­rium war. Sujew erscheint vielen Beob­ach­tern in Russ­land als Opfer in diesem Streit zwi­schen zwei Riesen. Zudem nutzen die Behör­den den Fall zur Abschre­ckung. Neue libe­rale Pro­jekte können so gar nicht ent­ste­hen, alte welt­of­fene Ein­rich­tun­gen bewegen sich auf einem schma­len Grat. 

Raus­wurf eines US-Dozen­ten schürt Atmo­sphäre der Angst

Wie schmal solche Mög­lich­kei­ten sind, erfuhr kürz­lich auch die Fakul­tät der Freien Künste an der Staat­li­chen Uni­ver­si­tät in Sankt Peters­burg. Die Stu­den­ten standen vor einem leeren Raum, ihr Eng­lisch- und Schau­spiel­do­zent Michael Freese kam eines Tages nicht mehr zum Unter­richt. Der FSB hatte ihn 72 Stunden fest­ge­hal­ten und schließ­lich des Landes ver­wie­sen. Fünf Jahre darf der Ame­ri­ka­ner, der seit zehn Jahren in Russ­land lebte, eine rus­si­sche Frau und ein Kind hat, nicht mehr nach Russ­land ein­rei­sen. Sein Ver­ge­hen: Er hatte einst die Aus­tausch­pro­gramme mit dem Bard College in den USA koor­di­niert. Seit Juni dieses Jahres zählen rus­si­sche Behör­den das Bard College zu soge­nann­ten „uner­wünsch­ten Orga­ni­sa­tio­nen“, weil dieses angeb­lich die Grund­la­gen ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Ordnung Russ­lands bedrohe. Auch das Zentrum für Libe­rale Moderne ist „uner­wünscht“ in Russ­land. Die Zusam­men­ar­beit mit solch gebrand­mark­ten Ein­rich­tun­gen ist Russen streng unter­sagt. Wie eine Orga­ni­sa­tion „uner­wünscht“ wird, dafür gibt es im rus­si­schen Gesetz keine klaren Kriterien.

 

Schwam­mige For­mu­lie­run­gen führen zu Unsi­cher­heit und schließ­lich auch zu einer Atmo­sphäre der Angst. Der ex-HSE-Dozent Mar­tynow sagt: „Der Druck von Seiten der Politik führt zum Erfin­der­tum samt großer Her­aus­for­de­rung: einen Weg zu finden, Mensch zu bleiben, obwohl der Staat seine Bedin­gun­gen auf­stellt.“ Nach­ge­ben will der Phi­lo­soph und Jour­na­list nicht – und unter­rich­tet mitt­ler­weile samt vielen von der HSE Ent­las­se­nen in Online-Haus­se­mi­na­ren, die sie Freie Uni­ver­si­tät nennen. Er macht das stets mit den Gedan­ken im Hin­ter­kopf: Der Staat könnte die Site sperren oder könnte die Dozen­ten straf­recht­lich ver­fol­gen. „Ohne Lehre kann ich aber nicht leben.“ 

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