Kein Ende der Internetsperren in Russland

Die Internetzensur in Russland wird immer umfassender: In zahlreichen Regionen, darunter Moskau und Sankt Petersburg, wird in diesen Tagen wieder das mobile Internet abgestellt – offenbar aus Furcht vor Drohnenangriffen. Und die Behörden verschärfen ihren Kampf gegen VPN-Anbieter, die das Umgehen der zahlreichen Sperren im Netz ermöglichen. Welche Folgen hat das für die Stabilität des Regimes?
In den Straßen von Moskau und Sankt Petersburg macht sich wieder Instabilität breit: Am Dienstag, 5. Mai, wurde das mobile Internet in den beiden russischen Metropolen zunächst abgestellt und dann teilweise wiederhergestellt. Offenbar, weil auch staatlich sanktionierte Domains, so genannte Whitelist-Adressen, zunächst nicht erreichbar waren. Nach Recherchen des Online-Portals 7x7 warnten Mobilfunkanbieter sowie Banken in 40 der mehr als 80 russischen Regionen, dass es zu Einschränkungen bzw. Ausfällen, etwa bei Geldautomaten kommen kann.
Die Maßnahme hängt höchstwahrscheinlich mit der Furcht vor Drohnenangriffen am bevorstehenden 9. Mai zusammen, an dem in Russland überall Militärparaden zum Gedenken an den Sieg gegen Nazideutschland 1945 abgehalten werden. Wohl aus demselben Grund soll die zentrale Parade in Moskau dieses Jahr ganz ohne Militärgerät stattfinden.
Fürchtet Putin ein Ende wie Chamenei?
Schon Anfang März war in Moskau das mobile Internet für knapp drei Wochen abgestellt worden, was gravierende Folgen für die Bevölkerung und die Wirtschaft hatte. Auch damals waren offenbar Sicherheitsbedenken der Auslöser. Russische Blogger vermuteten gar einen direkten Zusammenhang mit dem Angriff der USA und Israels auf Teheran, bei dem am 28. Februar Ajatollah Ali Chamenei und zahlreiche Angehörige der iranischen Führung ums Leben kamen.
Trotz der immer wieder aufkeimenden Freundlichkeit Donald Trumps gegenüber Wladimir Putin hatte der russische Machthaber offenbar Angst bekommen, dass ihm ein ähnliches Schicksal wie Chamenei droht – und feindliche Raketen bzw. Drohnen von den mobilen Netzwerken ans Ziel geführt werden – auch wenn dies in Teheran offenbar Dank infiltrierter Überwachungskameras gelang.
Putins paranoides Unverständnis
Dahinter steckt offenbar Putins tiefsitzendes, paranoides Unverständnis gegenüber dem Internet. Schon 2014 bezeichnete der langjährige Geheimdienstoffizier das Netz als „CIA-Projekt“. Der 73-Jährige ist bekannt dafür, dass er weder Internet noch Mobiltelefone nutzt. Bei öffentlichen Auftritten nutzt Putin immer noch Handzettel, die er sorgfältig vor sich ablegt – so auch bei der Online-Kabinettssitzung am 23. April, bei der er die Internetsperren als Maßnahme gegen „terroristische Bedrohungen“ rechtfertigte.
Auch wenn sich die meisten Menschen in Russland an Internetzensur gewöhnt haben, ist die Situation dieses Jahr eskaliert: Nachdem praktisch alle ausländischen Messengerdienste (WhatsApp, Signal und co) blockiert wurden, begannen die Behörden im Frühjahr damit, den wichtigsten heimischen Anbieter Telegram zu drosseln. Gleichzeitig werden Nutzer aufgefordert, zu dem neuen, staatlich sanktionierten Dienst Max zu wechseln, dem aber viele Menschen misstrauen.
Zensoren verschärfen den Kampf gegen VPN
Lange Zeit galten VPN-Systeme als zuverlässiges Mittel gegen die Zensur. Zuletzt wurden aber staatliche Maßnahmen gegen diese „Virtual Private Networks“, die den eigenen Standort verschleiern, verschärft. Die Zensurbehörde Roskomnadsor will offenbar bis 2030 mehr als 90 Prozent der VPN-Anbieter in Russland blockieren. Selbst eine einfache Suche im Internet birgt Risiken: Voriges Jahr trat ein Gesetz in Kraft, wonach schon die Suche nach als „extremistisch“ geltenden Inhalten unter Strafe stellt. Als extremistisch eingestuft sind in Russland etwa die LGBT-Bewegung oder die Menschenrechtsorganisation Memorial.
Hinter dem jüngsten Crackdown wird auch ein Wechsel der Zuständigkeit vermutet. Das Exilmedium The Bell berichtete im April, dass im vorigen Jahr die Kontrolle über das Internet innerhalb des Inlandsgeheimdienstes FSB an die Abteilung übergegangen ist, die für die Bekämpfung der Opposition (zum „Schutz der verfassungsrechtlichen Ordnung“) zuständig ist. Seitdem hätten FSB-Hardliner den Ausbau der Sperren in die eigene Hand genommen, heißt es in dem Bericht.
Die zunehmenden Einschränkungen haben Protestpotenzial geschaffen, das aber von den Sicherheitskräften weitgehend eingedämmt wurde. So wurde offenbar eine Gruppe junger Aktivistinnen und Aktivisten, die sich „Roter Schwan“ (Aly Lebed) nennen, erfolgreich gehindert, Ende März landesweit gegen die Blockierung von Telegram zu protestieren. Mehr Aufmerksamkeit erregte die Beauty-Bloggerin Viktoria Bonja, die in einem 15-minütigen Video für Putin die Internetsperren als Beispiel für die Nöte des russischen Volkes bezeichnete. Zwar erzielte Bonjas Instagram-Film 30 Millionen Aufrufe, der Kreml hat die in Monaco lebende Influencerin aber weitgehend ignoriert.
Putins Umfragen gehen runter
Was er wohl nicht ignorieren wird, sind Putins fallende Umfragewerte. Laut dem staatlichen Meinungsforschungsinstitut WZIOM sind die von knapp 80 Prozent zu Jahresbeginn auf 65,6 Prozent Ende April gesunken – auch wenn dieser Wert auf der WZIOM-Homepage nicht veröffentlicht wurde. Das Lewada-Zentrum, Russlands einziges unabhängiges Umfrage-Institut, veröffentlichte zuletzt einen Wert von 79 Prozent für April – im Januar waren es noch 84 Prozent. Die Lewada-Soziologen verzeichneten auch eine stark wachsende Verunsicherung in der russischen Bevölkerung: Der Anteil der Befragten, die sich positiv zur Entwicklung des Landes äußerten, fiel von 67 Prozent im Dezember auf nur 55 Prozent im April.
Auch in der stark vom Kreml kontrollierten „Systemopposition“ wird das Phänomen sichtbar. Die als unternehmerfreundlich bis liberal positionierte Partei „Neue Leute“ (Nowie Ljudi) verzeichnete in einer jüngsten Umfrage einen sprunghaften Anstieg auf mehr als 12 Prozent. Und Kommunistenchef Gennady Sjuganow warnte gar vor einer neuen Revolution in Russland.
Wie geduldig ist die Zivilgesellschaft?
Bleibt also die Frage, ob die russische Bevölkerung weiterhin bereit ist, immer mehr auf das Internet zu verzichten.
Hoffnungen mancher Beobachter, dass die Internetsperren wieder gelockert werden, wenn nur das „pragmatische Lager“ im Kreml die Oberhand gewinnt, sind wahrscheinlich überzogen. Wenn es solche Lager gibt, haben die jüngsten Sperren gezeigt, dass es den Pragmatikern (gemeint ist der „politische Block“ um Sergei Kirijenko, den ersten stellvertretenden Chef der Kremlverwaltung) nicht gelingt, sich gegen die „Silowiki“ genannten Hardliner in den Sicherheitsdiensten durchzusetzen.
Noch weniger begründet sind Hoffnungen, dass Putin nachgibt. Zum einen, weil er, wie oben beschrieben, ein ausgemachter Internet-Analphabet ist, der dem Netz nicht traut. Zum anderen, weil der Kremlchef in den letzten Jahren, vor allem seit 2022, ganz überwiegend von Jasagern und anderen Opportunisten umgeben ist.
Bleibt die Prognose mancher Experten, dass das russische Internet auch langfristig nicht komplett zensiert werden kann. Zum einen, weil unklar ist, wie die Einschränkungen in dem riesigen Land umgesetzt bzw. kontrolliert werden sollen. Zum anderen, weil im Katz-und-Maus-Spiel mit den Zensoren der IT-Sektor die Oberhand behalten könnte. Der russische Tech-Journalist Oleg Loginov schrieb unlängst bei der Deutschen Welle, dass die Zahl der Internet-Nutzer in Russland so groß ist, dass es sich für VPN-Anbieter lohnt, an immer neuen Schlupflöchern gegen die VPN-Sperren zu arbeiten.
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