Kon­fe­renz „Russ­land und der Westen“: Keine Rück­kehr zum Status quo ante!

Fotos: Tobias Kunz

Die von Russ­land aus­ge­hen­den sicher­heits­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen sind riesig. Der Angriffs­krieg gegen die Ukraine sowie hybride Pro­vo­ka­tio­nen in Europa gehen unver­min­dert weiter. Gleich­zei­tig ver­än­dern sich die trans­at­lan­ti­schen Bezie­hun­gen dras­tisch. Über die Russ­land­po­li­tik im neuen geo­po­li­ti­schen Umfeld ging es bei unserer jähr­li­chen Kon­fe­renz „Russia & the West“ im Oktober in Berlin. Lesen Sie den Bericht von Maria San­ni­kova-Franck.

Die seit 2018 jähr­lich statt­fin­dende Kon­fe­renz „Russ­land und der Westen“ ist das Flagg­schiff des Russ­land-Pro­gramms des Zen­trums Libe­rale Moderne.

Die mehr als 70 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer kamen aus Politik, Jour­na­lis­mus, Thinktanks und der Zivil­ge­sell­schaft aus Deutsch­land, Europa, den USA und aus Russ­land. Weil die Kon­fe­renz unter Chatham House Regeln statt­fand, sind Aus­sa­gen und Zitate im Beitrag nicht zuge­ord­net. Die gleich­na­mige Podi­ums­dis­kus­sion im Anschluss war öffentlich.

Emp­feh­lun­gen für Eck­punkte einer neuen Russland-Strategie:

  • Deut­li­che Stär­kung der kurz- und lang­fris­ti­gen mili­tä­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Unter­stüt­zung der Ukraine, damit sie als sou­ve­rä­ner und demo­kra­ti­scher Staat bestehen kann und Russ­lands Kriegs­ziele schei­tern. Da die USA ihre finan­zi­el­len Hilfen für die Ukraine ein­ge­stellt haben, muss Europa mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men und mehr und neue Waffen (etwa Taurus-Marsch­flug­kör­per) an die Ukraine liefern. Gleich­zei­tig ist es wichtig, die USA weiter ein­zu­bin­den, da sie Fähig­kei­ten haben, die Europa derzeit nicht hat.
  • Stär­kung der euro­päi­schen Ver­­­­­tei­­­di­­­gungs- und Abschre­ckungs­fä­hig­kei­t durch den koor­di­nier­ten Ausbau eigener Indus­trie­ka­pa­zi­tä­ten, Waf­fen­be­schaf­fun­gen inner­halb Europas und in den USA sowie durch for­cierte Inves­ti­tio­nen in die ukrai­ni­sche Rüstungsindustrie.
  • Erhö­hung des Drucks auf Russ­land, um die Dynamik des Kon­flikts zu ver­än­dern. Europa darf nicht zulas­sen, dass Russ­land dau­er­haft die Agenda bestimmt und den Westen vor stra­te­gi­sche Dilem­mata stellt. Um den Kreml selbst vor solche Dilem­mata zu stellen, müssten ihm Kosten auf­er­legt werden. Dazu gehör­en neben der umfas­sen­den Unter­stüt­zung der Ukraine die kon­se­quente Anwen­dung und Aus­wei­tung von Sank­tio­nen, ins­be­son­dere gegen Ein­nah­men aus Ener­gie­ex­por­ten, welche Moskaus Kriegs­kasse füllen, sowie ein ent­schlos­se­nes Vor­ge­hen gegen die rus­si­sche Schattenflotte.
  • Den Aggres­sor zur Kasse bitten und ein­ge­fro­rene rus­si­sche Ver­mö­gens­werte kon­se­quent als Dar­le­hen für die Ukraine einsetzen.
  • Inves­ti­tio­nen in die eigene Resi­li­enz sowie die Ent­wick­lung einer umfas­sende Stra­te­gie hybri­der Abschre­ckung, um Europa wider­stands­fä­hi­ger gegen­über rus­si­scher Ein­fluss­ver­su­che zu machen.
  • Auf­wer­tung der Rolle der Ukraine in der künf­ti­gen euro­päi­schen Ver­­­­­tei­­­di­­­gungs- und Abschre­ckungs­politik. Die Ukraine ist nicht nur Sicher­heits­kon­su­ment, sondern auch Sicher­heits­anbieter. Eine auto­nome euro­päi­sche Ver­tei­di­gung und Abschre­ckung ist ohne die Ein­be­zie­hung Kyjiws nicht denkbar. Die Erfah­run­gen der Ukraine im Krieg mit Russ­land sind ange­sichts der Bedro­hungs­lage für Europa von zen­tra­ler Bedeu­tung. Wenn Europa sich künftig vor Russ­land schüt­zen will, muss es von der Ukraine lernen, mit ihr zusam­men­ar­bei­ten und sie poli­tisch und mili­tä­risch in Europa inte­grie­ren. Ein insti­tu­tio­nel­ler Rahmen dafür sind NATO und die EU, die jedoch wegen Dif­fe­ren­zen unter den Mit­glied­staa­ten häufig an ihre Grenzen stoßen. In dieser Situa­tion kommt soge­nann­ten Pio­nier­län­dern – ins­be­son­dere den nor­di­schen und bal­ti­schen Staaten –, die eine kon­se­quente und ent­schlos­sene Politik gegen­über der Ukraine befür­wor­ten, eine Schlüs­sel­rolle zu. Diese Länder sollten vor­an­ge­hen und Impulse geben, damit andere Mit­glied­staa­ten folgen.
  • Stär­kung des poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Enga­ge­ments Europas in der unmit­tel­ba­ren und wei­te­ren Nach­bar­schaft (West­bal­kan, Moldau, Zen­tral­asien), um rus­si­schem Ein­fluss entgegenzuwirken.
  • För­de­rung eines ver­tief­ten Ver­ständ­nisses des rus­si­schen Regimes, seiner Politik, seiner Stärken und poten­zi­el­len Schwach­stel­len. Die Koope­ra­tion und Ver­net­zung unter Rus­s­­­land-Exper­­­tin­­­nen und ‑Exper­ten soll gestärkt werden, um Ent­wick­lun­gen in Russ­land und in seiner Gesell­schaft besser erfas­sen zu können.
  • Ein offen­si­ve­res Agieren in der rus­si­schen Infor­ma­ti­ons­sphäre, um der rus­si­schen Öffent­lich­keit zu ver­mit­teln, dass Russ­land diesen Krieg nicht gewin­nen wird und dass das Land unter diesem Regime keine Zukunft hat.
  • Sich auf ver­schie­dene innen­po­li­ti­sche Sze­na­rien in Russ­land vor­be­rei­ten und lang­fris­tig einen poli­ti­schen Wandel fördern, auch wenn dieser in abseh­ba­rer Zeit unwahr­schein­lich sein sollte.

 

Eine solche kon­se­quente Politik kann es den Euro­pä­ern ermög­li­chen, ihre Macht so aus­zu­bauen, dass sie mit Putin auf Augen­höhe und direkt über euro­päi­sche Sicher­heit spre­chen können und dabei in der Ukraine eine tra­gende Rolle spielen. Denn Europa verfügt über die not­wen­di­gen Res­sour­cen und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten. Was noch gebraucht wird, sind Schnel­lig­keit, Ent­schlos­sen­heit und Einigkeit.


– KONFERENZBERICHT –

Russ­lands Krieg gegen die Ukraine: wo stehen wir?

Die Tagung begann mit einer stra­te­gi­schen Bestands­auf­nahme der Ent­wick­lun­gen im Krieg Russ­lands gegen die Ukraine.

Es ist schwer zu beur­tei­len, ob wir uns am Anfang, in der Mitte oder kurz vor Ende des Krieges befin­den. In jedem Fall kann es keine Rück­kehr zum Status quo ante in den Bezie­hun­gen mit Russ­land geben. Zu glauben, der Krieg könne durch ein umfas­sen­des Frie­dens­ab­kom­men beendet werden, das den Weg für eine neue Part­ner­schaft mit Russ­land ebnet, ist eine Illu­sion. Denn in diesem Krieg geht es Moskau nicht nur um die Ukraine, sondern um die gesamte euro­päi­sche Ordnung – und dieser Kampf hat mög­li­cher­weise erst begonnen.

Die Situa­tion auf dem Schlacht­feld ist für Russ­land unbe­frie­di­gend. Selbst nach drei­ein­halb Jahren hat es seine Ziele nicht erreicht: Die Som­mer­of­fen­sive 2025 erwies sich eher als Infor­ma­ti­ons­of­fen­sive – die rus­si­schen Truppen kamen am Boden nur wenig voran. Größere Dynamik gibt es auf beiden Seiten im Luft­krieg. Kyjiw erhöht die Kosten für Moskau – etwa durch Luft­schläge auf rus­si­sche Treib­stoff­la­ger –, während Russ­land mit in Massen pro­du­zier­ten Drohnen Schwä­chen der ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gungs­sys­teme ausnutzt.

Der größte Fehler der ame­ri­ka­ni­schen und euro­päi­schen Unter­stüt­zer der Ukraine war, Putin immer wieder Zeit zu geben, sich aus schwie­ri­gen Situa­tio­nen zu befreien und neu zu sor­tie­ren. Diese Zöger­lich­keit beruht auf dem Fehlen einer gemein­sa­men Stra­te­gie gegen­über Russ­land sowie einer gemein­sa­men Vor­stel­lung vom gewünsch­ten Kriegsausgang.

Wirt­schaft – Wie lange kann Moskau noch weiterkämpfen?

Beim zweiten Panel, das in Koope­ra­tion mit dem Lon­do­ner Thinktank New Eura­sian Stra­tegy Centre statt­fand, ging es um den Zustand der rus­si­schen Wirt­schaft, die Sta­bi­li­tät des Regimes und die Stim­mung in der rus­si­schen Gesellschaft.

Die rus­si­sche Wirt­schaft hat nach einer ersten kurzen Phase der Erschüt­te­rung durch west­li­che Sank­tio­nen schnell Resi­li­enz ent­wi­ckelt. Die Frage, wie nach­hal­tig diese ist und wie lange sie es Putin ermög­licht, den Krieg fort­zu­füh­ren, ohne zu dras­ti­sche­ren poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Schrit­ten – etwa einer Mobil­ma­chung oder der Ein­füh­rung einer Kriegs­wirt­schaft – greifen zu müssen, war ein Schwer­punkt der Dis­kus­sion. Dabei wiesen Redner und Red­ne­rin­nen darauf hin, dass Russ­land zen­trale Wirt­schafts­da­ten geheim hält.

Nach Ansicht einiger Teil­neh­mer herrscht in der rus­si­schen Wirt­schaft nach dem vom Krieg befeu­er­ten Rüs­tungs-Boom seit etwa einem Jahr eine Art Kater­stim­mung. Noch ist unklar, wie schwer­wie­gend die tat­säch­lich ist. Das Wachs­tum ver­lang­samt sich; Sta­gna­tion oder sogar eine Rezes­sion erschei­nen möglich. Langsam zwingt die wirt­schaft­li­che Lage das Regime aus der Komfortzone.

Zwar herrscht nahezu Voll­be­schäf­ti­gung und die Löhne steigen ins­ge­samt, was für Opti­mis­mus in der Bevöl­ke­rung sorgt, aber der Arbeits­kräf­te­man­gel wird zu einem immer grö­ße­ren Problem. Zudem zeich­net sich eine Dif­fe­ren­zie­rung am Arbeits­markt ab: In kriegs­re­le­van­ten Sek­to­ren dürfte es weiter gut laufen, während in anderen Berei­chen die Ein­kom­men eher sinken.

Die Wirt­schafts­lage birgt Risiken für den Staats­haus­halt. Das Defizit liegt bereits deut­lich über den Erwar­tun­gen. Die Ein­nah­men sinken – unter anderem wegen der hohen Mili­tär­aus­ga­ben sowie gerin­ge­rer Erlöse aus dem Öl- und Gas­ge­schäft, was nicht zuletzt auf die Wirt­schafts­sank­tio­nen zurück­zu­füh­ren ist. Sollte der Krieg mit glei­cher Inten­si­tät wei­ter­ge­führt werden, ist 2026 mit einem noch grö­ße­rem Haus­halts­de­fi­zit zu rechnen; zuneh­mende Infla­tion dürfte kaum zu ver­mei­den sein. Derzeit werden vor allem Frei­wil­lige an die Front geschickt – ein kos­ten­in­ten­si­ves Modell. Ähn­li­ches gilt für die Rüs­tungs­aus­ga­ben. Falls der Krieg fort­dau­ert oder eska­liert, könnte die wirt­schaft­li­che Lage das Regime dazu zwingen, auf Kriegs­wirt­schaft umzu­schal­ten bzw. ver­mehrt Wehr­pflich­tige an die Front zu schicken.

Andere hielten dagegen, dass Russ­land mit seinem bestehen­den Wirt­schafts­mo­dell durch­aus den Krieg noch drei bis fünf Jahre wei­ter­füh­ren kann: Trotz des von den Sank­tio­nen for­cier­ten tech­no­lo­gi­schen Nie­der­gangs kann Moskau wei­ter­hin umfang­reich Waffen pro­du­zie­ren – zwar kein High-Tech, für die der­zei­tige Kriegs­füh­rung aber aus­rei­chend. Für die kom­men­den Jahre ist demnach ein mode­ra­tes Wachs­tum von rund einem Prozent rea­lis­tisch. Für Putin bleibt der Krieg trotz hoher Kosten eine ver­gleichs­weise begrenzte Aufgabe – sowohl finan­zi­ell als auch im Hin­blick auf die nötigen mensch­li­chen Ressourcen.

Politik: Wird Putins Nach­fol­ger ein „kol­lek­ti­ver Putin“?

Einer Analyse zufolge wirkt das Regime – poli­tisch – sta­bi­ler und gefes­tig­ter als vor dem Krieg. Putins grund­sätz­li­ches Problem besteht aber darin, dass sich das Regime nicht selbst repro­du­zie­ren kann: Es gibt keinen Nach­wuchs und vieles hängt von seinen indi­vi­du­el­len Per­so­nal­ent­schei­dun­gen ab.

Diese Analyse ging davon aus, dass das System Putin sich derzeit auf einen Macht­tran­sit vor­be­rei­tet; Putins „Nach­fol­ger“ wird aber keine neue Person sein, sondern Putin selbst – in Form eines neuen Regime­typs, des „kol­lek­ti­ven Putin“. In diesem System bleibt die Macht in Putins Händen kon­zen­triert, während die rou­ti­ne­mä­ßige Ver­wal­tung dele­giert wird.

Dass dieser Über­gang bereits begon­nen hat, zeigen die zuneh­men­den Repres­sio­nen inner­halb der Eliten, die auch die herr­schen­den Clans schwä­chen. So beför­derte Putin eigene Adju­tan­ten und Leib­wäch­ter in zen­trale Schlüs­sel­po­si­tio­nen. Von ihnen erwar­tet er aber nicht, dass sie gute Manager sind, sondern dass sie poli­ti­sche Kon­trolle über andere ausüben. So kon­zen­triert sich die Macht zuneh­mend in den Händen eines „Prä­si­den­ten at large“, während die Bedeu­tung von Par­la­ment und Regie­rung – ohnehin schon schwach und abhän­gig – weiter schwin­det. Dieser Macht­tran­sit solle bis zur Prä­si­dent­schafts­wahl 2030 abge­schlos­sen sein.

Für den Kreml könnten aber dabei poten­zi­ell zwei Dinge gefähr­lich werden: Zum einen könne das Zentrum nicht schnell auf unvor­her­ge­se­hene Ereig­nisse reagie­ren – das etwa habe die schwa­che Reak­tion auf den Auf­stand von Söld­ner­füh­rer Pri­go­schin gezeigt. Zum anderen könnten die wach­sen­den Repres­sio­nen gegen die Eliten lang­fris­tig zur Her­aus­bil­dung einer Oppo­si­tion inner­halb der füh­ren­den Elite führen, auch wenn es dafür derzeit keine Anzei­chen gebe.

Gesell­schaft: Wie nach­hal­tig ist die Unter­stüt­zung für Putin?

Auch sozial scheint das Regime derzeit einen Höhe­punkt seiner Sta­bi­li­tät erreicht zu haben. Es gibt jedoch Anzei­chen dafür, dass diese in Zukunft sehr langsam ero­die­ren könnte.

Zum einen gibt es Unmut unter den harten Mili­ta­ris­ten, die den Krieg aktiv unter­stütz­ten. Diese Gruppe, die 25 bis 30 Prozent der Bevöl­ke­rung aus­macht, ist mit dem Kriegs­ver­lauf und folg­lich dem Regime unzu­frie­den, obwohl sie Putin als natio­na­len Anfüh­rer unter­stüt­zen könnten. Im Gegen­satz zu den weit­ge­hend demo­ra­li­sier­ten Kriegs­geg­nern sind die Hard­li­ner relativ laut­stark – und deshalb zuneh­mend ins Visier poli­ti­scher Repres­sio­nen geraten.

Zum anderen gibt es Anzei­chen dafür, dass die große Mehr­heit der Rus­sin­nen und Russen, die Kon­for­mis­ten sind und den Krieg passiv unter­stütz­ten, bald erste wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten erleben kann, weil das Poten­zial für wirt­schaft­li­che Umver­tei­lung erschöpft ist.

Noch sind die meisten mit den wirt­schaft­li­chen und sozia­len Folgen des Krieges zufrie­den: Dazu gehören nicht nur Sol­da­ten und ihre Ange­hö­ri­gen. Auch der wirt­schaft­li­che und soziale Status von Indus­trie­ar­bei­tern und tech­ni­schen Fach­kräf­ten, die in der post­so­wje­ti­schen Ära stark unter­be­zahlt und unter­be­wer­tet waren, ist gestie­gen. Und: Viele Men­schen sind mit der Ver­rin­ge­rung der Viel­falt von Lebens­sti­len zufrie­den. Eine Mehr­heit hat sich gegen Moder­ni­sie­rung und sozia­len Fort­schritt ent­schie­den, selbst wenn dies Ein­bu­ßen beim Lebens­stan­dard bedeutet.

Umfra­gen zeigen aber, dass die Erwar­tun­gen an eine Ver­bes­se­rung der sozia­len und wirt­schaft­li­chen Lage hoch bleiben: Das könnte der Anfang einer Phase nach­las­sen­der Unter­stüt­zung für das Regime sein.

Für Putin ist deshalb ein schlep­pen­der Krieg die beste Option, da sich die rus­si­sche Gesell­schaft in den ver­gan­ge­nen drei Jahren gewan­delt hat und der Grad der Kon­so­li­die­rung hoch ist. Ein Ende des Krieges könnte dagegen für ihn ungüns­tige Ver­än­de­run­gen im gesell­schaft­li­chen Bewusst­sein aus­lö­sen. Folg­lich könnte Putin das Format des Krieges ändern, beenden wird er ihn aber wohl nicht.

Welche Stra­te­gie?

Im Zentrum der Ver­an­stal­tung stand die Dis­kus­sion über die Eck­punk­te einer neuen Russlandstrategie.

Die Exper­tin­nen und Exper­ten waren sich einig, dass eine umfas­sende wirt­schaft­li­che und mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung der Ukraine zen­tra­les Element dieser Stra­te­gie sein muss. Dabei müsse berück­sich­tigt werden, dass der Angriffs­krieg gegen die Ukraine ein Symptom eines weit grö­ße­ren Pro­blems sei, das Russ­land heute dar­stelle. Putins obers­tes Ziel sei, den euro­päi­schen Kon­ti­nent neu zu ordnen und eine Art „Finn­lan­di­sie­rung“ Europas zu errei­chen. Dazu ver­su­che er, Europas Glaub­wür­dig­keit und Ent­schlos­sen­heit sowie die NATO, ins­be­son­dere die in Artikel 5 fest­ge­legte Bünd­nis­ver­pflich­tung, zu untergraben.

Die von einem revan­chis­ti­schen und neo­im­pe­ria­len Russ­land aus­ge­hende Her­aus­for­de­rung wird nach einem Ende des Krieges gegen die Ukraine fort­dau­ern, aber die Art und Weise, wie der Krieg endet und die Rolle Europas dabei werden erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Zukunft der Ukraine, Russ­lands selbst und Europas haben.

Die Ukraine muss als sou­ve­rä­ner und demo­kra­ti­scher Staat in diesem Krieg bestehen, unab­hän­gig über ihre Innen- und Außen­po­li­tik ent­schei­den und poli­tisch sowie mili­tä­risch in den Westen inte­griert werden. Das zu errei­chen, wird Europa viel abver­lan­gen, doch die Kosten eines Schei­terns wären ungleich höher.

Eine Nie­der­lage der Ukraine hätte fatale Folgen – nicht nur für die Ukraine selbst. Russ­land wäre ermu­tigt, weiter auf­zu­rüs­ten und zu pro­vo­zie­ren. Sollte der Kreml als Sieger her­vor­ge­hen, würde das die impe­ria­len Ten­den­zen in dem Land ver­stär­ken. Das Regime sähe sich darin bestä­tigt, dass sich der Angriffs­krieg aus­zahlt und der Westen schwach ist. Dann würde es nicht bei der Ukraine als Ziel wei­te­rer Aggres­sio­nen bleiben.

Die Frage, wann ein­zelne NATO-Mit­glied­staa­ten mili­tä­risch bedroht sind, ver­lei­tet viele zu der Annahme, dass Europa noch Zeit hat. Das ver­kennt jedoch, dass mili­tä­ri­sche Gewalt für den Kreml nur eines von meh­re­ren Mitteln ist, um eine Neu­ord­nung Europas zu errei­chen. Wenn Putin glaubt, dieses Ziel schnel­ler durch hybride Kriegs­füh­rung errei­chen zu können, wird er sie kon­se­quent ein­set­zen. Bereits jetzt ist zu beob­ach­ten, wie Cyber­an­griffe, Sabo­tage und Des­in­for­ma­tion zuneh­mend in den Alltag der Men­schen in Europa eindringen.

In jedem Fall muss sich Europa über viele Jahre, wenn nicht Jahr­zehnte, mit der Her­aus­for­de­rung Russ­land aus­ein­an­der­set­zen – solange das Land keinen grund­le­gen­den Sys­tem­wan­del voll­zieht und seine neo­im­pe­riale Politik und auto­ri­täre Tra­di­tion aufgibt. Bis dahin kann das Problem nicht gelöst, sondern ledig­lich bewäl­tigt werden.

Vor diesem Hin­ter­grund sind – bei allen his­to­ri­schen Unter­schie­den – die Erfah­run­gen aus dem Kalten Krieg lehr­reich. Die Ein­däm­mungs­po­li­tik gegen­über der Sowjet­union war bemer­kens­wert effek­tiv, ohne die Res­sour­cen der demo­kra­ti­schen Staaten über­mä­ßig zu belas­ten. Die Sowjet­union wurde ein­ge­dämmt, bis sie schließ­lich zusam­men­brach, ohne dass es zu einer nuklea­ren Eska­la­tion kam. Unter den gege­be­nen Umstän­den könnte eine Art neuer Kalter Krieg für Europa das best­mög­li­che Sze­na­rio sein. Dafür bedürfe es einer Ein­däm­mungs- und Abschre­ckungs­po­li­tik, die lang­fris­tig die Option eines poli­ti­schen Wandels in Russ­land nicht aufgebe.


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