Russlands Kriegswirtschaft: Zahlungsfähig aber nicht nachhaltig

Obwohl die Sanktionen Wirkung zeigen, könnte Russland seinen Krieg gegen die Ukraine noch jahrelang finanzieren. Die Frage ist, ob Russland bereit ist, dafür immer mehr von seiner Zukunft zu verpfänden, schreibt Alexander Kolyandr.
Der russische Staatshaushalt ist längst mehr als eine Aufstellung von Einnahmen und Ausgaben. Die Kluft zwischen Rüstungsindustrie und ziviler Wirtschaft wächst von Quartal zu Quartal. Damit ist das Budget zum wichtigsten politischen Steuerungsinstrument geworden. Er entscheidet maßgeblich darüber, ob die Wirtschaft wächst oder stagniert. Wer den Haushaltsentwurf für 2027 genau liest, erkennt, wohin sich das Land bewegt: nicht auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, sondern auf einen langsamen, zermürbenden Niedergang.
Die Regierung hat den Entwurf dem Parlament vorgelegt. Dort hat bereits politisches Feilschen begonnen; endgültig beschlossen ist also noch nichts. Die Eckdaten wirken auf den ersten Blick solide: Das Defizit soll von geschätzten 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr auf 2,2 Prozent sinken. Die Ausgaben steigen nominal kaum, was real einer Kürzung entspricht. Berichten zufolge sind für Verteidigung 17,1 Billionen Rubel vorgesehen, 35 Prozent der Gesamtausgaben. Diese Summe scheint jedoch schlicht die tatsächlichen Ausgaben dieses Jahres fortzuschreiben. Sie liegen weit über den für 2026 veranschlagten 12,1 Billionen Rubel. Mit 4,57 Billionen Rubel wird der Schuldendienst die Ausgaben für Gesundheit und Bildung zusammengenommen übersteigen.
Leicht verfügbare Mittel sind aufgebraucht
In den ersten Jahren nach der Großinvasion der Ukraine von 2022 waren die Kosten für Russland überschaubar, zumindest aus haushälterischer Sicht. Moskau verfügte mit seinem Nationalen Wohlstandsfonds (NWF) über liquide Reserven von 8,43 Billionen Rubel – knapp 90 Milliarden Euro. Der Ölpreis waren hoch, und ein schwacher Rubel brachte dem Staat für jedes verkaufte Barrel höhere Einnahmen. Militärausgaben, Anwerbeprämien für Soldaten und Entschädigungen für die Angehörigen Gefallener wirkten wie ein keynesianisches Konjunkturprogramm und kurbelten den Konsum an. Kapital, das wegen westlicher Sanktionen und vom Kreml verhängter Devisenbeschränkungen nicht ins Ausland abfließen konnte, wurde mangels Alternativen im Inland investiert. Zudem gab es noch Spielraum für Steuererhöhungen.
Inzwischen sind diese Puffer entweder aufgebraucht oder bringen immer weniger ein. Die liquiden Mittel des Wohlstandsfonds sind auf 3,9 Billionen Rubel (41 Milliarden Euro) gesunken.
Für 2027 wird bei der russischen Ölsorte Urals ein Durchschnittspreis von 73 US-Dollar je Barrel erwartet. Das ist nur geringfügig weniger als im Jahr 2022. Dennoch nimmt der Staat damit weniger ein.
Als der Irankrieg den Ölpreis 2026 kurzzeitig über 100 Dollar trieb, kam von diesen Zusatzeinnahmen nur wenig im Staatshaushalt an, weil die überbewertete Landeswährung den Rubelwert jedes Dollars aus dem Exportgeschäft verringerte. Gestützt wurde der Wechselkurs teilweise durch Sanktionen, die Importe und Kapitalabflüsse einschränken. Zahlungen an Ölunternehmen, mit denen die inländischen Benzinpreise niedrig gehalten werden sollten, verschlangen einen großen Teil der verbleibenden Mehreinnahmen.
Die Realeinkommen, die 2024 und 2025 noch um mehr als sieben Prozent gestiegen waren, wachsen inzwischen nur noch um etwa ein Prozent. Die Anlageinvestitionen gingen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 9,9 Prozent zurück. Für das Gesamtjahr rechnet das Wirtschaftsministerium nun mit einem Rückgang von 5,4 Prozent. Im Frühjahr hatte es noch ein Minus von 1,5 Prozent prognostiziert.
Kanonen statt Butter: Waffen auf Kosten der Lebensqualität
Der Haushalt für 2027 greift deshalb auf die einzige verbliebene Möglichkeit zurück: Er finanziert Waffen auf Kosten des Lebensstandards der Bevölkerung. Nachdem der Spielraum für breit angelegte Steuererhöhungen ausgeschöpft ist, setzt das Finanzministerium auf gezielte Abgaben. Dividenden und Zinsen auf Bankeinlagen sollen progressiv besteuert werden. Das trifft ausgerechnet den Aktienmarkt, den die Regierung immer wieder als künftige Quelle langfristigen Kapitals anpreist. Für Käufe auf ausländischen Online-Marktplätzen sollen 22 Prozent Mehrwertsteuer anfallen. Die Tarife für kommunale Versorgungsleistungen steigen im kommenden Juli um elf Prozent statt wie geplant 8,7 Prozent. Der Anstieg fällt damit fast dreimal so hoch aus wie das Inflationsziel der Zentralbank von vier Prozent. Gleichzeitig werden die Ausgaben auf Bundesebene für Wohnungswesen und kommunale Versorgung bis 2029 um ein Drittel gekürzt. Auch die Regionen, die einen Großteil der Anwerbeprämien für Soldaten zahlen, müssen Kürzungen hinnehmen. Statt zusätzlicher Mittel bietet man ihnen einen Aufschub bei der Rückzahlung ihrer Schulden an.
Der Rest wird durch Kredite finanziert. Für das kommende Jahr ist eine Kreditaufnahme im Inland von 7,7 Billionen Rubel vorgesehen, 2,3 Billionen mehr als geplant. Die staatliche Inlandsverschuldung ist bereits von 23,7 Billionen Rubel Anfang 2025 auf 33,2 Billionen gestiegen. Die freiwillige Nachfrage nach Staatsanleihen ist gering. Im Juli stellte die Regierung den Verkauf festverzinslicher Anleihen an Banken ein, weil sie nicht bereit war, Renditen von rund 16 Prozent zu zahlen. Im September platzierte das Finanzministerium eine variabel verzinste Anleihe im Umfang von einer Billion Rubel, deren Verzinsung an die Inflation gekoppelt ist. Systemrelevante Banken übernahmen 83,6 Prozent davon. Einen Tag zuvor hatten sie sich über ein sogenanntes Repo-Geschäft zusätzliche 940 Milliarden Rubel von der Zentralbank geliehen. Faktisch finanzierten sie den Staat also mit Zentralbankgeld.
Ein Haushalt nach dem Prinzip Hoffnung
Der Haushalt beruht zudem auf ehrgeizigen Annahmen: einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent, das über sämtlichen Prognosen liegt, auch derjenigen der Zentralbank; einer um ein Drittel niedrigeren Inflation; und vor allem stabilen Verteidigungsausgaben.
Seit 2022 hat Moskau kein einziges Defizitziel eingehalten. Für 2025 waren 0,5 Prozent des BIP vorgesehen, am Ende wurden es 2,6 Prozent. Das Ziel für 2026 lag bei 1,6 Prozent; tatsächlich wird das Defizit 3,2 Prozent erreichen. Der diesjährige Ausgabenplan wurde bereits im Februar überschritten. Die Rechnung bestimmt das Geschehen an der Front, nicht das Finanzministerium.
Die Zahlen lassen sich vor allem als Botschaft an die russische Zentralbank lesen: Wir haben unseren Teil getan, jetzt senkt die Zinsen. Doch ein Haushalt, der Ersparnisse besteuert, Versorgungstarife erhöht und Kredite zu 14 bis 15 Prozent aufnimmt, um Devisen für den Wohlstandsfonds zu kaufen, dämpft die Inflation nicht. Diese wiederum vertieft die Kluft zwischen Rüstungsindustrie und ziviler Wirtschaft. Die Rüstungsindustrie erhält Vorauszahlungen zu staatlich festgelegten Preisen, profitiert von subventionierten Kreditzinsen und bekommt bevorzugten Zugang zur bereits stark beanspruchten Infrastruktur. Die zivile Wirtschaft dagegen kämpft mit teureren Krediten, schwächerer Nachfrage und höheren Steuern. Darunter leiden Konsum, Ersparnisse und Investitionen gleichermaßen.
Eine immer teurere Hypothek auf die Zukunft
Theoretisch kann Russland sich diesen Krieg noch lange leisten. Die Frage ist aber, welchen Preis das Land für die Hypothek auf seine Zukunft zahlt. Durch den Zinseszinseffekt wächst die Zinslast immer weiter.
Am deutlichsten zeigt sich das bei den Schulden. Mit etwa 20 Prozent des BIP wirkt Russlands Staatsverschuldung im Vergleich zu Frankreichs 119 Prozent, den rund 120 Prozent der USA oder den 95 Prozent Großbritanniens gering. 2027 soll sie auf 21,7 Prozent steigen. Die Belastung ergibt sich jedoch weniger aus der Höhe der Schulden als aus den Finanzierungskosten. Weil Russland von ausländischen Kreditgebern abgeschnitten ist, kann Moskau sich nur im Inland Geld leihen: bei Banken und einem begrenzten Kreis von Sparern. Die Zinsen sind hoch, weil die Zentralbank die kriegsbedingt angeheizte Inflation bekämpft. Je höher die Inflation, desto teurer die Verschuldung.
Die Rendite zehnjähriger russischer Staatsanleihen (OFZ) liegt bei etwa 15 Prozent und damit rund neun Prozentpunkte über der Inflationsrate. In den USA, Großbritannien und Frankreich liegen die Realrenditen bei ungefähr zwei Prozent. Bei einer Schuldenquote, die nur etwa ein Fünftel so hoch ist, zahlt Russland real das Vier- bis Fünffache an Zinsen.
Damit werden Zinszahlungen in diesem Jahr etwa acht Prozent der Staatsausgaben auf Bundesebene aufzehren, 2027 bereits 9,4 Prozent. Zum Vergleich: In den USA entfallen rund 13 Prozent der Bundesausgaben auf Zinsen, in Frankreich ebenfalls 13 Prozent des Staatshaushalts und in Großbritannien knapp ein Zehntel der öffentlichen Ausgaben. Um seinen Krieg zu finanzieren, trägt Russland also bereits eine ähnlich hohe relative Zinslast wie westliche Staaten, obwohl seine Schuldenquote nur einen Bruchteil der dortigen Werte beträgt. Die Lücke schließt sich, weil Russlands Belastung steigt.
Auch westliche Regierungen nehmen keineswegs nur Kredite auf, um Wachstum zu finanzieren. Russland zahlt jedoch real vier- bis fünfmal so hohe Zinsen und verwendet das Geld für den unproduktivsten Posten seines Haushalts: Waffen, die verschossen oder zerstört werden, und Soldzahlungen, die die Inflation anheizen. Diese Schulden schaffen keine künftige Wirtschaftsleistung, aus der sie bedient werden könnten.
Zu geringe Investitionen führen zu alternden Anlagen, langsamerem technologischem Fortschritt und mehr Unfällen in der Versorgung, im Verkehr und in der Industrie. Ein Staat, der seine Reserven aufgezehrt und seine künftigen Haushaltsmittel bereits gebunden hat, verfügt über weniger Geld, um solche Ausfälle zu verhindern oder ihre Folgen zu bewältigen. Die Inflation macht die Bevölkerung ärmer und hält die Zinsen hoch. Das bremst Investitionen zusätzlich. Zugleich werden die Probleme der Banken unter den Teppich gekehrt. Die Kreditgeber strukturieren faule Kredite um und ordnen sie anderen Risikokategorien zu. Sie hoffen, dass niedrigere Zinsen, ein stabiler Haushalt oder weniger strenge Regulierung die Probleme verschwinden lassen.
All das deutet nicht auf einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch hin. Es spricht vielmehr für eine Wirtschaft, die allmählich verfällt: Sie funktioniert, zahlt Löhne und erfüllt Aufträge, wird aber mit jedem Jahr ärmer, weniger produktiv und anfälliger.
Wann geht dem Kreml das Geld für den Krieg aus?
Wie lange Russland seine militarisierte Wirtschaft finanzieren kann, hängt letztlich davon ab, wie viel Inflation die Bevölkerung hinzunehmen bereit ist. Bislang lautet die Antwort: sehr viel. Russische Haushalte erwarten eine Inflation von 14 Prozent. Im Juli erklärten zwei Drittel der Befragten dem staatlichen Meinungsforschungsinstitut WZIOM, die schwersten Zeiten stünden Russland noch bevor. Das war der höchste Anteil seit 2020. Doch aus dieser düsteren Stimmung ist bislang kein politischer Druck entstanden.
Das naheliegende Gegenmittel wäre eine weitreichende Deeskalation, die eine Friedensdividende ermöglichen würde. Sie steht jedoch nicht in Aussicht, was auch immer Teile der Elite insgeheim wünschen mögen. Die Risiken kommen von außen und können plötzlich eintreten: ein weltweiter Abschwung, der den Ölpreis drückt; ein Unglück, dessen Folgen der Staat finanziell nicht bewältigen kann; oder eine weitere Verschärfung der Sanktionen.
Solange Moskau jedoch Rohstoffe zu Preisen verkaufen kann, die ungefähr auf dem heutigen Niveau liegen, und Haushalte und Unternehmen dazu zwingt, Inflation und sinkenden Lebensstandard hinzunehmen, wird das System überleben. Doch bloßes Überleben eröffnet keine Perspektive. Und die Zukunft, die Russland sich auf diese Weise erkauft, ist düster.
- Alexander Kolyandr ist Europadirektor der amerikanischen Risk-Consulting-Agentur Eurasia Group. Sein Schwerpunkt liegt auf Politik und Wirtschaft Russlands, der Ukraine und der Region Eurasien. Er stammt aus dem ukrainischen Charkiw und begann seine Laufbahn als Journalist. Für die BBC, Dow Jones Newswires und das Wall Street Journal berichtete er über Wirtschaft, Rohstoffe und makroökonomische Entwicklungen. Beim Wall Street Journal war er zuletzt Senior Correspondent in Moskau. Später wechselte er in den Finanzsektor. Bei Credit Suisse arbeitete er mehrere Jahre in Moskau und London als Stratege und Senior Economist unter anderem mit Schwerpunkt Russland. Er hat an der Universität Charkiw ein Mathematikstudium abgeschlossen und danach ein Promotionsstudiengang an der Université Paris VII besucht. Für das russische Online-Medium The Bell war er Mitautor eines viel gelesenen Newsletters zur russischen Wirtschaft. Zudem ist er Senior Fellow am Center for European Policy Analysis (CEPA).
Deutsche Bearbeitung: Nikolaus von Twickel
![]()
Hat Ihnen unser Beitrag gefallen? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spendentool. Sie unterstützen damit die publizistische Arbeit von LibMod.
Wir sind als gemeinnützig anerkannt, entsprechend sind Spenden steuerlich absetzbar. Für eine Spendenbescheinigung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adressdaten bitte an finanzen@libmod.de
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Mit unseren Datenschutzbestimmungen erklären Sie sich einverstanden.



