Lingen und die Mär von Rosatoms Unersetzlichkeit

Mit einer lebensgroßen Putin-Puppe protestierten Demonstranten in Lingen 2024 gegen eine Zusammenarbeit mit Rosatom.
Die niedersächsische Landesregierung hat im Juli trotz erheblicher Sicherheitsbedenken die Zusammenarbeit der Lingener Brennelementefabrik mit dem russischen Staatskonzern Rosatom genehmigt. Zur Begründung hieß es, dass für Reaktoren sowjetischer Bauart die russische Brennelemente-Technologie derzeit nicht ersetzbar sei. Die Erfahrungen der Ukraine sprechen jedoch dagegen, schreibt Diana Suschkowa.
Am 22. Juli 2026 genehmigte das niedersächsische Umweltministerium einen Antrag von Advanced Nuclear Fuels (ANF), einer Tochtergesellschaft des französischen Nuklearkonzerns Framatome, zum Ausbau ihrer Brennelementefabrik in Lingen. In der Stadt nahe der Grenze zu den Niederlanden sollen künftig sechseckige Brennelemente für Reaktoren sowjetischer Bauart (WWER) hergestellt werden. Grundlage dafür ist eine Lizenzvereinbarung mit TVEL, einer Tochtergesellschaft des russischen Atomkonzerns Rosatom.
Im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Framatome und TVEL/Rosatom sollen russische Lizenzen, Fertigungswissen, Maschinen und Bauteile in die erweiterte Anlage in Lingen eingebracht werden.
Das Ziel des Projekts ist nachvollziehbar: In der EU sind derzeit 19 WWER-Reaktoren der Typen WWER-440 und WWER-1000 in Betrieb, unter anderem in Tschechien, Finnland, Ungarn, der Slowakei und Bulgarien. Sie benötigen eigens für sie entwickelte Brennelemente, die bislang überwiegend aus Russland kamen.
Die seit 2022 andauernde russische Großinvasion der Ukraine stellte die europäischen Betreiber daher vor eine echte Herausforderung: Wie lässt sich die Versorgung mit Brennelementen sichern und zugleich die Abhängigkeit von Russland verringern? Framatome verfolgt nach eigenen Angaben eine zweigleisige Strategie. Kurzfristig will das Unternehmen Brennelemente herstellen, die baugleich mit den bisher in europäischen WWER-Reaktoren verwendeten sind. Parallel dazu entwickelt es im Rahmen des SAVE-Projekts eigene europäische WWER-Brennelemente. Das Projekt läuft von Juli 2024 bis Juni 2028 und hat ein Gesamtbudget von 18,68 Millionen Euro. Das Problem: Der erste Weg beendet die Abhängigkeit von russischer Technologie nicht. Er verlagert einen Teil davon nach Deutschland.
Versorgungssicherheit – aber zu welchem Preis?
Die niedersächsische Genehmigung wurde trotz erheblicher Risiken erteilt. Sie betreffen die innere und äußere Sicherheit, mögliche Spionage und Sabotage sowie den Schutz kritischer Infrastruktur. Viele dieser Bedenken waren bereits im Genehmigungsverfahren vorgebracht worden, unter anderem in einem Gutachten des Binger Rechtsprofessors Gerhard Roller.
Wie ernst die Risiken genommen werden, zeigen die umfangreichen zusätzlichen Sicherheitsauflagen im Genehmigungsbescheid. Von TVEL gelieferte IT-Systeme und Anlagensteuerungen müssen vom übrigen System der Fabrik getrennt werden. Beschäftigte von TVEL und Rosatom dürfen die Anlage in Lingen grundsätzlich nicht betreten. Kontakte zu ihnen sind auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken und müssen nach dem Vier-Augen-Prinzip erfolgen. Steuerungstechnik und Software aus Russland müssen unabhängig geprüft werden, einschließlich einer Kontrolle des Quellcodes. Zudem müssen sämtliche vom russischen Hersteller MSZ gelieferten verschweißten Gadolinium-Brennstäbe einzeln per Scanner untersucht werden. Statt eine vom Hersteller bereitgestellte Probe der Brennstofftabletten zu analysieren, kann außerdem vor Ort ein Brennstab geöffnet und sein Inhalt unabhängig untersucht werden.
Jüngste Vorfälle in Deutschland lassen die Sorge vor russischer Sabotage und hybriden Angriffen auf europäische Infrastruktur noch konkreter erscheinen. Am 1. September schrieb die Bundesregierung den versuchten Angriff im August mit einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle Russland zu. Demnach deuten die Beweise eindeutig auf eine russische Beteiligung hin.
Vor diesem Hintergrund fordert Julia Verlinden, stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, eine neue Sicherheitsbewertung für die Brennelementefabrik in Lingen. Am 10. September reichte zudem der Umweltverband BUND, unterstützt von der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt, Klage gegen die Genehmigung ein. Die Verbände machen geltend, dass die Umweltprüfung unvollständig sei und auf veralteten Unterlagen beruhe. Außerdem sei Rosatoms Beteiligung im Antrag nicht vollständig offengelegt worden. Maschinen aus Russland könnten aus ihrer Sicht für Manipulation, Spionage oder Sabotage genutzt werden.
Die Frage ist deshalb nicht allein, ob sich einzelne Risiken durch technische und organisatorische Vorkehrungen begrenzen lassen. Wenn die Zusammenarbeit mit einem russischen Staatskonzern selbst zusätzliche Sicherheitsrisiken schafft, muss Europa auch fragen, ob diese technologische Abhängigkeit überhaupt nötig ist.
Rosatom ist nicht unersetzlich
Befürworter des Projekts in Lingen argumentieren häufig, dass europäische Betreiber von WWER-Reaktoren auf erprobte Brennelemente angewiesen seien und dass russischer Kernbrennstoff nur schwer zu ersetzen sei. Das stimmt. Es bedeutet aber nicht, dass Rosatom unersetzlich ist.
Das deutlichste Gegenbeispiel liefert die Ukraine.
Der kanadisch-amerikanische Hersteller Westinghouse begann schon vor mehr als zwanzig Jahren, alternative Brennelemente für ukrainische WWER-1000-Reaktoren zu entwickeln. Der Weg dahin war schwierig. Damit die Brennelemente in Reaktoren sowjetischer Bauart eingesetzt werden konnten, waren Tests, Änderungen am Entwurf und ein Zulassungsverfahren erforderlich. Doch diese Schwierigkeiten wurden überwunden. Die Ukraine weitete den Einsatz von Westinghouse-Brennelementen aus und löste sich von russischen Lieferungen.
Noch aufschlussreicher sind die jüngeren Erfahrungen mit WWER-440-Reaktoren. Westinghouse und der ukrainische Kraftwerksbetreiber Energoatom beschleunigten die Entwicklung und Zulassung alternativer Brennelemente für diesen Reaktortyp. Im September 2023 wurde der erste Satz Ersatzbrennelemente an das ukrainische Kernkraftwerk Riwne geliefert und dort eingesetzt – nach einem Entwicklungsprogramm, das Westinghouse als rekordverdächtig bezeichnete.
Drei Jahre später berichtete Energoatom, dass seine WWER-440-Blöcke erfolgreich mit Brennelementen von Westinghouse betrieben würden. Inzwischen verwenden alle ukrainischen Kernkraftwerke Brennelemente von Westinghouse – sowohl für WWER-1000- als auch für WWER-440-Reaktoren.
Die Ukraine ist nicht mehr das einzige Beispiel. Der finnische Betreiber Fortum setzte 2024 erstmals Westinghouse-Brennelemente im WWER-440-Reaktor des Kernkraftwerks Loviisa ein und führte dies 2025 und 2026 fort.
Europa braucht eine unabhängige Kernenergieversorgung ohne Russland
Das Projekt in Lingen birgt noch einen Widerspruch: Framatome entwickelt im Rahmen des SAVE-Projekts selbst eine Alternative zu russischer Technologie. Die EU finanziert also die Entwicklung eigener europäischer Brennelemente für WWER-Reaktoren. Gleichzeitig entsteht innerhalb der EU eine Produktion, die auf Lizenzen, Fertigungswissen, Maschinen und Bauteilen von TVEL beruht. Diese Entscheidung ist schwer zu erklären.
Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Art von Sicherheit will Europa aufbauen – mit Russland oder ohne Russland?
Die Ukraine hat bereits gezeigt, dass sich die Abhängigkeit von russischer Kernbrennstofftechnologie überwinden lässt. Nun muss Europa entscheiden, welchen Weg es einschlägt.
Dieser Artikel wurde von der DiXi Group (Kyjiw) mit Unterstützung der International Renaissance Foundation im Rahmen des Projekts „Strengthening Ukraine’s Resilience in Energy“ erstellt. Er gibt die Ansichten der Autorin wieder, die nicht unbedingt der Position der International Renaissance Foundation entsprechen.
- Diana Suschkowa ist Projektexpertin beim ukrainischen Thinktank DiXi Group und auf Energiesicherheit und Sanktionspolitik spezialisiert. Sie beobachtet und bewertet die Wirksamkeit von Energiesanktionen gegen Russland, forscht zum russischen Öl‑, Gas- und Atomsektor und entwickelt Empfehlungen, um die Sanktionen wirksamer zu machen. Ihre jüngsten Arbeiten befassen sich insbesondere mit Rosatom, dessen internationalen Aktivitäten und Verbindungen zur russischen Rüstungsindustrie.
Deutsche Bearbeitung: Nikolaus von Twickel
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