Ein Refu­gium der Frei­heit wird zerstört

Unbe­kannte beschmier­ten das Mos­kauer Büro der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Memo­rial mit „Aus­län­di­scher Agent – *Herz* USA“ als das erste Gesetz 2012 ein­ge­führt wurde.

Der Kampf um „Memo­rial“ geht weiter. Am Diens­tag setzt das Oberste Gericht Russ­lands die Ver­hand­lung gegen Memo­rial Inter­na­tio­nal fort, am Don­ners­tag wird vor dem Mos­kauer Stadt­ge­richt gegen das Men­schen­rechts­zen­trum ver­han­delt. LibMod-Grün­de­rin Marie­luise Beck kom­men­tiert das Verfahren.

„Memo­rial“ – Weshalb ist es so wichtig und so umstrit­ten, sich zu erin­nern? An die Opfer, die Täter, die Namen, die Orte, die Spuren und Zeug­nisse. Nicht nur aus Respekt für die Opfer – auch um Eure, um unsere Zukunft. Damit Willkür, Unmensch­lich­keit, Leiden, das Brechen von Men­schen, das zügel­lose Aus­le­ben von Macht, die Straf­lo­sig­keit – damit all das nie wieder zurück­keh­ren kann.

Der Wahn Hitlers, das tota­li­täre System des Natio­nal­so­zia­lis­mus, das Europa beinahe zer­störte – zu seiner Auf­ar­bei­tung bedurfte es zunächst des Ansto­ßes durch die alli­ier­ten Sieger. Sehr zöger­lich und langsam stellte sich das deut­sche Volk diesen dunklen Jahren der Geschichte.

Der Wahn Stalins, das tota­li­täre System der Sowjet­union hatte ein anderes Gesicht, eine andere Ideo­lo­gie, andere Cha­rak­ter­züge und doch viele struk­tu­relle Gemein­sam­kei­ten. Auch dieses Regime führte viele Mil­lio­nen ins Ver­der­ben – Erschie­ßungs­kom­man­dos, Gulag, Hun­gers­nöte, Deportationen.

Aber es gab keine Sie­ger­mächte, die ver­lang­ten, sich mit dieser Tra­gö­die zu konfrontieren.

Stalins Tod brach die schlimmste Welle der Gewalt, doch Unter­drü­ckung und Willkür, das Aus­ge­lie­fert­sein blieb.

Auch in der Sowjet­union machten sich mutige, auf­rechte und kluge Men­schen auf den Weg der Erin­ne­rung. Sie gingen in Archive, soweit sie zugäng­lich waren, befrag­ten Zeit­zeu­gen, sam­mel­ten Mate­rial. Sie trafen sich in kleinen Zirkeln, ver­trau­li­cher Aus­tausch fand in den Küchen statt.

Arseni Rog­in­ski ging für diese ver­bo­tene Spu­ren­su­che in der Bre­schnew-Zeit noch ins Straf­la­ger. Man arbei­tete im Unter­grund, foto­gra­fierte Zeug­nisse. St. Peters­burg und Moskau wurden zu Zentren, in denen das Schwei­gen gebro­chen wurde.

Es gab kaum eine Familie in der Sowjet­union, die nicht von Repres­sio­nen betrof­fen war. Erschüt­ternde Zettel von Müttern, die ihren Kindern noch einen letzten Gruß zukom­men ließen. Die leeren Augen derer, die wussten, dass sie der Tod erwar­tete, für nichts. Aus reiner Willkür. Es wurden sogar ganze Völker deportiert.

1989 schie­nen die Türen auf­zu­ge­hen. Es gab Luft zum Atmen. Wahr­hei­ten durften benannt, Opfer und ihre Zeug­nisse gesucht, Täter benannt werden. Das System der Repres­sion, das das ganze Land in Angst ver­setzt hatte, durfte erforscht werden.

West und Ost reich­ten sich die Hand. In den 1990er Jahren konnten wir in Deutsch­land und den Fol­ge­staa­ten der Sowjet­union gemein­sam die Zivi­li­sa­ti­ons­brü­che des destruk­ti­ven 20. Jahr­hun­derts erforschen.

Schon lange gefällt dem Putin-Regime die Arbeit an der Wahr­heit nicht mehr. Schon lange arbei­tet der Kreml an einer neuen Deu­tungs­ho­heit der Geschichte. Die Siege der Sowjet­union werden wieder gefei­ert, ihre Abgründe stören das heroi­sche Bild. Dass nur die Wahr­heit über die Ver­gan­gen­heit neue Untaten ver­hin­dern kann, passt nicht mehr in die Logik der Macht.

Schon lange zieht sich der Ring um Memo­rial zu. Die „Nest­be­schmut­zer“ sollen schwei­gen oder das Land ver­las­sen. Sie werden erneut mit Haft und Straf­la­ger bedroht.

Die Archive sollen wieder geschlos­sen werden. Dar­un­ter auch das größte Archiv zu Zwangs­ar­bei­tern in Deutsch­land, das von Memo­rial auf­ge­baut wurde.

Memo­rial ist ein großes Netz­werk, es reicht über Russ­land hinaus, in die bal­ti­schen Staaten, in die Ukraine, ja, bis nach Deutschland.

Zer­stört werden soll nicht nur eine Orga­ni­sa­tion. Zer­stört werden soll die Chance auf einen Neu­an­fang durch Erin­ne­rung. Es geht um Wahr­haf­tig­keit und Gerech­tig­keit als Grund­lage für ein demo­kra­ti­sches und fried­li­ches Europa.

Die Gründer und Träger von Memo­rial sind gewalt­frei und unbeug­sam zugleich. Sie setzen ihren fried­li­chen Kampf um Recht und Gerech­tig­keit auch vor Gericht fort, obwohl jeder weiß, dass die Urteile nicht im Gerichts­saal gefällt werden.

Es gibt viele Gründe, diese mutigen Men­schen zu lieben. Die Staats­macht kann Gebäude schlie­ßen und Orga­ni­sa­tio­nen ver­bie­ten. Aber den Geist von Memo­rial wird sie nicht besiegen.

 

Den Beitrag hat Marie­luise Beck für die Ausgabe Nr. 411 der „Russ­land-Ana­ly­sen“ ver­fasst, die in der dritten Advents­wo­che erscheinen.

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