„Russ­land kann nicht anders Krieg führen“

Foto: Michael Broch­stein /​ Imago Images

Schon im sowje­tisch-afgha­ni­schen Krieg beging die sowje­ti­sche Armee Kriegs­ver­bre­chen an der afgha­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung. Das Ver­säum­nis, die Gräu­el­ta­ten auf­zu­ar­bei­ten, ist eine der Ursa­chen für die Kon­ti­nui­tät men­schen­ver­ach­ten­der Kampf­me­tho­den im rus­si­schen Militär, schreibt Mariia Vladymyrova.

Die Gräu­el­ta­ten der rus­si­schen Armee in der Ukraine haben die Welt scho­ckiert. Das Abschlach­ten von Zivi­lis­ten in Butscha, die Zer­stö­rung von Mariu­pol, Angriffe auf Hilfs­trans­porte haben deut­lich gemacht, dass das rus­si­sche Militär in großem Umfang Kriegs­ver­bre­chen begeht. Die geziel­ten Angriffe auf die Zivil­be­völ­ke­rung gepaart mit Zwangs­de­por­ta­tio­nen und Hin­rich­tun­gen haben auch die Frage auf­ge­wor­fen, ob Russ­land einen Völ­ker­mord am ukrai­ni­schen Volk begeht.

So scho­ckie­rend diese Tat­sa­chen auch sein mögen, sie sind kaum über­ra­schend, wenn man sich die ver­gan­ge­nen Ein­sätze der rus­si­schen und sowje­ti­schen Streit­kräfte ansieht. Das rus­si­sche Militär führt seit Jahr­zehn­ten Kriege auf brutale, men­schen­ver­ach­tende Art und Weise und – was ent­schei­dend ist – wurde nie dafür bestraft. Ange­sichts dieser blu­ti­gen Ver­gan­gen­heit ist es keine weit her­ge­holte Behaup­tung, dass Russ­land so Krieg führt, weil es keinen anderen Weg kennt.

In diesem Artikel ver­folge ich das Ver­mächt­nis der Gewalt im rus­si­schen Militär bis zum sowje­tisch-afgha­ni­schen Krieg in den 1980er-Jahren zurück. Dieser zehn­jäh­rige Feldzug, die größte sowje­ti­sche Mili­tär­ak­tion seit dem Zweiten Welt­krieg, war für Genera­tio­nen von Offi­zie­ren und Sol­da­ten eine prä­gende Erfährung. Das Ver­säum­nis, eine kri­ti­sche Antwort auf die während der Inva­sion began­ge­nen Kriegs­ver­bre­chen zu finden, war aus­schlag­ge­bend für die spätere Über­nahme unein­ge­schränk­ter Kampf­me­tho­den durch die rus­si­schen Streitkräfte.

Zusam­men­bruch statt Machtdemonstration

Die Sowjet­union mar­schierte 1979 in Afgha­ni­stan ein, um ein kom­mu­nis­ti­sches Regime zu errich­ten. Sie tat dies ohne eine dif­fe­ren­zierte Ein­schät­zung der poli­ti­schen und sozia­len Gege­ben­hei­ten des Landes. Infol­ge­des­sen fand sich Moskau bald in einer Situa­tion wieder, in der amn weder wusste, wie man mit den ursprüng­li­chen Zielen der Ope­ra­tion fort­fah­ren sollte, noch wie man sich zurück­zie­hen sollte. Aus der ver­meint­li­chen Demons­tra­tion der sowje­ti­schen Mili­tär­macht wurde ein zehn­jäh­ri­ges Gemet­zel, das zu einer der Ursa­chen für den Unter­gang der Sowjet­union wurde.

Die für den euro­päi­schen Kriegs­schau­platz ent­wi­ckelte sowje­ti­sche Doktrin eignete sich in keins­ter Weise für die Berg- und Wüs­ten­re­gio­nen, in denen regu­läre Ein­hei­ten mit schwe­ren Waffen auf wendige, relativ kleine Gruppen von Auf­stän­di­schen trafen. Daher musste die Sowjet­ar­mee ihre Anti-Gue­rilla-Taktik von Grund auf neu ent­wi­ckeln. Anders als in der West­ukraine, wo die Sowjet­union bis in die 1950er-Jahre gegen die ukrai­ni­sche Wider­stands­ar­mee kämpfte, waren die Sowjets auf­grund feh­len­der Kon­trolle über weite Gebiete Afgha­ni­stans nicht in der Lage, die Unter­stüt­zung der Auf­stän­di­schen durch die Zivil­be­völ­ke­rung zu verhindern.

Diese Unfä­hig­keit wurde mit bru­ta­ler Gewalt und Terror kom­pen­siert – das zeigen die deut­lich stei­gen­den Opfer­zah­len unter der Zivil­be­völ­ke­rung. Zivile Sied­lun­gen wurden oft als mili­tä­risch rele­van­tes Ziel betrach­tet, um Nach­schub­quel­len der Mud­scha­he­din aus­zu­schal­ten. Schät­zun­gen zufolge starben bis zu 2,3 Mil­lio­nen Men­schen. Bis zu sechs Mil­lio­nen Men­schen flohen aus dem Land. Auch die sowje­ti­schen Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen hatten, wenn auch in weitaus gerin­ge­rem Umfang, erheb­li­che Ver­luste zu bekla­gen – die offi­zi­elle sowje­ti­sche Zahl liegt bei 14.000 – die tat­säch­li­che Zahl dürfte jedoch weitaus höher liegen.

Zwi­schen Amnes­tie und Vergessen

Poli­tisch war das ganze Unter­fan­gen ein Desas­ter: Der lang­wie­rige Krieg war sowohl eine Folge als auch eine Ursache der Erschöp­fung der sowje­ti­schen Staat­lich­keit. Dank der Politik der Offen­heit (Glas­nost) in den späten 1980er-Jahre kamen die wahren Ver­luste in Afgha­ni­stan, Unzu­läng­lich­kei­ten der Mili­tär­füh­rung sowie Kor­rup­tion und Gleich­gül­tig­keit der poli­ti­schen Eliten ans Licht. 1988 beschloss Moskau einen voll­stän­di­gen Rückzug. Ange­sichts der anhal­ten­den Empö­rung in der Bevöl­ke­rung räumte die sowje­ti­sche Führung im Dezem­ber 1989 ein, dass die Inva­sion eine „mora­li­sche und poli­ti­sche Ver­ur­tei­lung“ verdiene.

Dieser Schritt wurde im Westen als Zeichen dafür gesehen, dass der Kreml aus seinen Fehlern lernt und „mensch­li­cher“ wird. Doch er lenkte die Auf­merk­sam­keit von einem anderen, ent­schei­den­den sowje­ti­schen Beschluss ab; Einen Monat zuvor hatte der Oberste Sowjet eine zwei­fel­hafte Gene­ral­am­nes­tie für Mili­tär­an­ge­hö­rige erlas­sen, die während des Afgha­ni­stan-Ein­sat­zes Ver­bre­chen began­gen hatten. Zahl­rei­che Anschul­di­gun­gen wegen Kriegs­ver­bre­chen und Miss­hand­lun­gen inner­halb der Truppe blieben ungestraft.

Wie sich her­aus­stellt, war es nicht die Selbst­kri­tik vom Dezem­ber 1989, sondern die vor­an­ge­gan­gene Amnes­tie, die die rus­si­sche Mili­tär­kul­tur in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten bestimmte. Nach Auf­lö­sung der Sowjet­union zwei Jahre später hatten die Regie­run­gen der Nach­fol­ge­staa­ten in erster Linie ganz andere Auf­ga­ben. Es ent­stan­den öffent­li­che Orga­ni­sa­tio­nen von Vete­ra­nen, Kriegs­jour­na­lis­ten und Sol­da­ten­müt­tern, die aber außer dem Ver­fas­sen zahl­rei­cher per­sön­li­cher Berichte wenig aus­rich­ten konnten. Anstatt die Schre­cken des sowje­ti­schen Krieges auf­zu­ar­bei­ten, zog sich die rus­si­sche Gesell­schaft in all­ge­mei­nes Ver­ges­sen zurück.

Bru­ta­les Erbe

Während der Afgha­ni­stan-Krieg in der Öffent­lich­keit weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit geraten ist, hat er in den rus­si­schen Sicher­heits­struk­tu­ren seine Spuren hin­ter­las­sen. Eine beträcht­li­che Zahl der „Afgantsy“ genann­ten Vete­ra­nen dieses Krieges spielte später in Russ­land bedeu­tende poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche Rollen und gaben ihre Kampf­erfah­run­gen an eine jüngere Genera­tion rus­si­scher Mili­tärs weiter.

Auch die sys­te­ma­ti­sche Miss­hand­lung von Wehr­pflich­ti­gen und Sol­da­ten wurde im Wesent­li­chen bei­be­hal­ten. Statt­des­sen wurden die schwa­chen Kom­man­do­ver­bin­dun­gen und die gestörte Dis­zi­plin in den rus­si­schen Streit­kräf­ten durch Zwang kom­pen­siert. Diese Praxis hat wohl dazu bei­getra­gen, dass es nicht gelun­gen ist, glaub­wür­dige demo­kra­ti­sche Kon­troll­struk­tu­ren in den rus­si­schen Streit­kräf­ten zu schaffen.

Die feh­lende Auf­ar­bei­tung des Mili­tär­ein­sat­zes in Afgha­ni­stan hat alle nach­fol­gen­den rus­si­schen Mili­tär­ope­ra­tio­nen geprägt, ange­fan­gen vom ersten Tsche­tsche­nien-Krieg 1994/​1995. Sowohl sys­te­misch als auch indi­vi­du­ell hat sich das brutale Erbe der Afgha­ni­stan-Inva­sion im heu­ti­gen rus­si­schen Militär nie­der­ge­schla­gen. Es mani­fes­tiert sich in der Neigung zu wahl­lo­ser Waf­fen­ge­walt, deren Geheim­hal­tung und in der Tat­sa­che, dass Vor­ge­setzte zur Dis­zi­pli­nie­rung ihrer Truppen auf Miss­brauch setzen.

In der Ukraine ermög­licht diese rus­si­sche Kriegs­füh­rung die Umset­zung der völ­ker­mör­de­ri­schen Absich­ten der Kreml­füh­rung. Um eine ange­mes­sene poli­ti­sche Antwort darauf zu for­mu­lie­ren, muss man akzep­tie­ren, dass unein­ge­schränkte Waf­fen­ge­walt keine Aus­nahme sondern das Herz­stück rus­si­scher Mili­tär­prak­ti­ken ist.

Kon­ti­nui­tät als Schlüssel

Die Ähn­lich­keit der rus­si­schen unein­ge­schränk­ten Kriegs­füh­rung in der Ukraine mit frü­he­ren Kam­pa­gnen, ins­be­son­dere in Syrien, wurde wie­der­holt fest­ge­stellt. Die der­zei­tige Kon­fron­ta­tion weist jedoch einen wesent­li­chen stra­te­gi­schen Unter­schied auf. Der Kon­flikt in der Ukraine ist ein zwi­schen­staat­li­cher Krieg mit kon­ven­tio­nel­len Mitteln zwi­schen Russ­land und der Ukraine.

In dieser Hin­sicht kann die Inva­sion nur mit dem Geor­gien-Krieg von 2008 ver­gli­chen werden, dessen Erfolg eher auf der über­wäl­ti­gen­den mili­tä­ri­schen Stärke Russ­lands als auf Stra­te­gie und Geschick­lich­keit beruhte. Ope­ra­tiv steht das rus­si­sche Militär jedoch vor ähn­li­chen Her­aus­for­de­run­gen wie in Syrien oder Tsche­tsche­nien: Der Kampf um Bevöl­ke­rungs­zen­tren spielt eine Schlüs­sel­rolle für die Ver­sor­gung, Siche­rung und die Kon­so­li­die­rung der umkämpf­ten Frontlinien.

In einem Erobe­rungs­krieg stellen Orts-und Häu­ser­kampf eine große Her­aus­for­de­rung für fremde Truppen dar. Weil die Bevöl­ke­rung vor Ort den Besat­zern gegen­über über­wie­gend negativ ein­ge­stellt ist, werden die rus­si­schen Streit­kräfte zur Siche­rung ihrer Gebiets­ge­winne zuneh­mend auf irre­gu­läre Kriegs­füh­rung zurückgreifen.

Nie­der­lage und Aufarbeitung

Das Bei­spiel Afgha­ni­stan zeigt, dass die rus­si­schen Streit­kräfte eher zu wahl­lo­ser Gewalt neigen als ihre Ein­satz­pla­nung zu ändern. Poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger im Westen dürfen sich nicht der Illu­sion hin­ge­ben, dass der Krieg in der Ukraine durch all­mäh­li­che Erschöp­fung der rus­si­schen Streit­kräfte erreicht wird.

Lange Zeit wurden rus­si­sche Kriege eher als eine auf die Region begrenzte Sicher­heits­frage betrach­tet. In den Nach­bar­staa­ten fes­tigte die Kreml-Führung ihren Ein­fluss nach dem Prinzip „Aggres­sor – Nach­fol­ger – Ver­mitt­ler“. Das feh­lende Ein­ge­ständ­nis dieser blu­ti­gen Ein­sätze, die west­li­chen Poli­ti­kern lange Zeit plau­si­bel erschien, führte dazu, dass der unein­ge­schränkte Kampf als poli­tisch und mili­tä­risch vor­teil­hafte Taktik aner­kannt wurde. In der Ukraine beweist Russ­land einmal mehr, dass es eine starke und dau­er­hafte Bedro­hung für die inter­na­tio­nale Rechts­ord­nung darstellt.

Deshalb müssen die Ver­bün­de­ten der Ukraine dafür sorgen, dass Russ­land voll­stän­dig ver­liert. Dies könnte die einzige Mög­lich­keit sein, seine poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Eliten zur vollen Ver­ant­wor­tung für ihre Aggres­sion und geno­zi­dale Kriegs­füh­rung zu bringen. Letzt­end­lich wird eine Nie­der­lage in der Ukraine die lange Geschichte der agres­si­ven rus­si­schen Erobe­rungs­po­li­tik offen­le­gen. Dies wäre für das rus­si­sche Volk eine his­to­ri­sche Chance, sich diesem Ver­mächt­nis zu stellen und es aufzuarbeiten.

Mariia Vla­dym­y­rova ist Junior Policy Advisor im Bun­des­tags-Büro von Grünen-Chef Omid Nou­ripour. Ihr Fach­ge­biet umfasst Sicher­heits­fra­gen in den Staaten der Öst­li­chen Part­ner­schaft und Russ­land. Zuvor war sie Senior Legal Officer im Minis­te­rium für die vor­über­ge­hend besetz­ten Gebiete und Bin­nen­ver­trie­bene in Kyjiw. Die Juris­tin absol­viert derzeit einen MA-Stu­di­en­gang in Kriegs- und Kon­flikt­for­schung an der Uni­ver­si­tät Potsdam und ist Sti­pen­dia­tin der Heinrich-Böll-Stiftung.

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