Auf Deutschland kommt es an!

Russlands Krieg weitet sich aus – in der Ukraine fordern Raketen und Drohnen immer mehr zivile Opfer, in Deutschland und Europa nehmen Sabotageakte und Drohnen-Vorfälle bedenklich zu. Was können und sollen wir tun, um das Putin-Regime zu stoppen? Darüber haben wir mit Bundestagsabgeordneten und Experten bei unserer Podiumsdiskussion „Russland und der Westen“ gesprochen. Mit dabei: Kremlgegner Michail Chodorkowski.
Ein wiederkehrendes Thema des Abends: Deutschlands Rolle als Führungsmacht in Europa – nach dem Wegfall Amerikas unter Donald Trump, der gerade wegen seines Diesel-Deals mit Wladimir Putin für massive Irritationen sorgt. „Deutschland ist der Motor Europas,“ erklärte Michail Chodorkowski. Die Vertreter der Regierungskoalition bemühten sich, dieser Verantwortung gerecht zu werden.
Der SPD-Außenpolitiker Nils Schmid, derzeit parlamentarischer Staatsekretär im Verteidigungsministerium, betonte nicht nur, dass die militärische Unterstützung der Ukraine weitergehen müsse, er argumentierte auch, dass man die Trump-Regierung wieder auf Kurs bringen wolle: „Wir versuchen auf allen Kanälen den USA deutlich zu machen, dass die Unterstützung der Ukraine auch im Interesse der Amerikaner ist“.
Deutschland ist der stärkste Unterstützer und bleibt der stärkste Unterstützer der Ukraine
Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jürgen Hardt, argumentierte ähnlich. Die Europäer hätten etwa bei der Grönland-Krise gezeigt, dass sie, wenn es wirklich darauf ankommt, Trumps Vorschläge „von der Platte bekommen können“. Der CDU-Politiker betonte, dass Berlin unverbrüchlich zu Kyjiw stehe: „Deutschland ist der stärkste Unterstützer und bleibt der stärkste Unterstützer der Ukraine“.
Hardt betonte auch, dass die Ukraine den Krieg gewinnen müsse und die Kontrolle über ihr gesamtes Staatsgebiet wiederzuerlangen: „Das wäre eine Niederlage Putins aber nicht Russlands, erklärte er, weil dem Land nichts weggenommen würde: „Russland kann diesen Krieg beenden, ohne etwas zu verlieren, das nicht vorher da war,“ sagte er.
Damit Putin zur Vernunft kommt
Der aussichtsreichste Weg dahin sei, Putin klarzumachen, dass er nicht gewinnen könne. „Damit er zur Vernunft kommt“, wie Hardt sagte. Und er versprach, dass die Bundesregierung künftig konsequenter gegen die russische Schattenflotte vorgehen wolle.
Damit rannte er bei Deborah Düring, außenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, offene Türen ein: „Darauf freue mich schon“, erklärte sie, und warnte gleichzeitig vor den Folgen eines neuerlichen Zögerns wegen der gewachsenen Rolle der Bundesrepublik: „Wenn Deutschland nicht weiter massiv nach vorne geht und Europa mitnimmt, haben wir ein Problem,“ sagte sie und fügte hinzu: „Wenn wir wirklich wollen, dass Putin weiß, dass wir uneingeschränkt an der Seite der Ukraine sind, muss viel schneller agiert werden.“ Deutschland könne noch „sehr viel mehr“ tun, sowohl militärisch als auch im zivilen Bereich.
Von Michail Chodorkowski wollte Moderator Ralf Fücks wissen, wo denn die Schwachstellen seien, an denen Europa die Kriegsfähigkeit Russlands dezimieren könne. Der einstige Ölunternehmer, der 10 Jahre im Straflager saß, nachdem er die demokratische Opposition unterstützt hatte, listete gleich mehrere Punkte auf.
Zum einen sollten die Sanktionen verstärkt und besser durchgesetzt werden. So könne Berlin seine guten Kontakte nach Peking nutzen, um eine Drosselung der chinesischen Technologielieferungen nach Russland zu erreichen, mit denen die Sanktionen umgangen würden. Außerdem könnten russische Ingenieure (und anderes Fachpersonal) mit gut bezahlte Jobs etwa in Deutschland abgeworben werden. Angesichts des eklatanten Fachkräftemangels könne man Russland damit empfindlich schwächen, argumentierte Chodorkowski.
Zum anderen müsse Europa sein militärisches Engagement deutlich steigern: Russland, so Chodorkowski, wende 250 Milliarden US-Dollar pro Jahr für den Krieg auf. „Zu glauben, dass 40 bis 60 Milliarden aus Europa reichen, um gegen Putin zu bestehen, ist naiv“ sagte er.
Auf die Frage, ob Putin überhaupt „zur Vernunft“ gebracht werden könne, sagte Chodorkowski, es sei zwar denkbar, dass er den Krieg stoppe, wenn die politischen Kosten eines Weitermachens höher seien als aufzuhören. Derzeit sei das aber sehr unwahrscheinlich, weil der Kremlherrscher auf Wahlsiege von AfD und Marine Le Pens Rassemblement National hoffe, die beide einen Stopp der Ukraine-Hilfe versprechen: „Noch schaut Putin auf Europa und sagt, wenn Deutschland und Frankreich beschließen, die Ukraine nicht mehr zu unterstützen, wird die Front zusammenbrechen. Und da sagt er, dann mache ich eben weiter.“
Bei dem Thema waren Düring und Hardt nicht ganz einig: Während die Grünen-Politikerin ihre Sorge ausdrückte, dass zuletzt Rufe nach einem Ende der Unterstützung der Ukraine „nicht nur an den Rändern des Bundestages, sondern auch in der Mitte“ lauter würden, meinte Hardt, dass man „den Laden schon zusammenhalten“ werde.
Solange Putin an der Macht ist, kann es keinen Frieden geben
Chodorkowski gab sich unterdessen überzeugt, dass es keinen echten Frieden geben kann, solange Putin lebt und an der Macht sei – und das sei beides das gleiche: Für Putin ist der Krieg zu einer Art des politischen Überlebens geworden,“ meinte er. Eine Aufgabe der besetzten ukrainischen Gebiete würde das Ende von Putins Regime bedeuten. Das sei nur mit einer militärischen Niederlage Russlands denkbar, die aber derzeit praktisch nicht mehr möglich sei.
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Mehr InformationenForderung nach Resolution gegen die Anerkennung von Annexion
Diese Einschränkung stieß auf dem darauffolgenden Panel 2 auf keine Zustimmung. Die Expertinnen und Experten aus Frankreich, Schweden, Polen und Litauen waren sich einig, dass russische Besatzung und Annexion nicht anerkannt werden dürften.
Der litauische Abgeordnete Žygimantas Pavilionis forderte die Parlamente Deutschlands und Frankreichs auf, eine ähnliche Resolution wie Litauen zu verabschieden, in der eine solche Anerkennung kategorisch ausgeschlossen wird. Denn, „wer Besatzung anerkennt, der ist schnell der nächste,“ betonte er.
Pavilionis rief Deutschland auf, den russischen Einfluss im eigenen Land entschlossener zu bekämpfen und sich der Russland- und Ukraine-Politik der baltischen und nordischen Länder anzuschließen, die er „Club der Tapferen“ nannte.
Amerika ist nicht verloren
Ähnlich wie seine deutschen Vorredner plädierte Pavilionis dafür, die USA nicht aufzugeben und forderte einen wirksameren europäischen Einfluss in Washington. Dafür solle ein Büro der Europäischen Volkspartei (EPP) in der US-Hauptstadt eröffnet werden, analog zu den deutschen politischen Stiftungen. „Wir können das schaffen – Amerika ist nicht verloren“ rief er.
Auf Anregung der Moderatorin, LibMod-Russland-Programmdirektorin Maria Sannikova-Franck, diskutierte das zweite Panel auch konkret über Möglichkeiten, die Lage in Russland zu beeinflussen.
Die französische Politologin Marie Mendras hatte dazu gleich mehrere Vorschläge: Mehr Unterstützung für unabhängige russische (Exil)Medien und für Organisationen und Aktivisten, die Deserteuren helfen, das Land zu verlassen. Mehr Unterstützung für die russische demokratische Opposition („Resistance“) im Exil sowie eine aktivere Kommunikation über geschützte Kanäle mit Eliten innerhalb Russlands.
Doch am Ende betonten auch hier alle Redner, dass das Wichtigste ein Sieg der Ukraine ist. „Dieser Kampf ist auch unserer“, erklärte die polnische Expertin Agnieszka Legucka, die auch eine stellvertretende Leiterin der Strategieabteilung des Warschauer Außenministeriums ist. Mit Blick auf die jüngsten politischen Verstimmungen zwischen Kyjiw und Warschau betonte sie, dass Polen alles tun müsse, um „falschen Narrativen“ im eigenen Land entgegenzutreten, die die gesellschaftliche Unterstützung der Ukrainepolitik gefährdeten.
Alle Europäer müssen mehr Selbstvertrauen und Courage zeigen
Der schwedische ex-Diplomat und Thinktanker Fredrik Löjdquist appellierte schließlich an Deutschland und Europa: Der Begriff „Zeitenwende” sei nach wie ein unfertiges Projekt – vor allem auf europäischer Ebene, wo viele immer noch auf deutsche Führung hoffen. „Wir dürfen nicht die zentralen Werte, die wir verteidigen, vergessen: Alle Europäer müssen mehr Selbstvertrauen und Courage zeigen,“ forderte er in seinem Schlusswort.
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