Indoktrination auf Dauer: Die Militarisierung des Bildungswesens in Russland

Szene aus dem Film „Ein Nobody gegen Putin“
Seit der Großinvasion der Ukraine werden russische Schulen und Universitäten systematisch militarisiert. Mit Patriotismus und Indoktrination versucht das Regime, kritisches Denken und Illoyalität im Keim zu ersticken. Mittlerweile rekrutieren Hochschulen sogar neue Soldaten. Ksenia Lutschenko schreibt in ihrer Analyse, dass die Unabhängigkeit des Bildungssystems auf Dauer zerstört wurde..
Der dieses Jahr mit einem Oscar prämierte Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“ hat einem breiten Publikum gezeigt, wie Krieg und Propaganda in russische Schulen eindringen. Der Pädagoge Pawel Talankin drehte das Material dafür 2022 und 2023 in der Provinzstadt Karabasch. Damals bestand die ideologische Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler vor allem darin, sie zur Teilnahme an patriotischen Veranstaltungen zu zwingen. Dazu gehörten der wöchentliche Schulappell mit dem Hissen der Staatsflagge, das Marschieren durch die Schulflure und das Schreiben von Unterstützungsbriefen an Frontsoldaten. Auch der Beitritt zur staatlichen Jugendorganisation „Bewegung der Ersten“ gehörte dazu.
Seither sind drei weitere Jahre vergangen. In dieser Zeit sind sowohl Schulen als auch Hochschulen zu einem Teil der Kriegsmaschinerie geworden. Sie leisten nicht nur ideologische Unterstützung, sondern sorgen auch für militärischen Nachwuchs: durch militärische Ausbildung und Rekrutierung für den Fronteinsatz.
Ideologischer Druck verlagert sich in Pflichtfächer
Wurde bisher ideologischer Druck an Schulen vor allem über freiwillige Angebote außerhalb des regulären Unterrichts vermittelt, verlagern sich im Schuljahr 2026/27, das unter dem Motto „Einheit der Völker Russlands“ steht, patriotische Inhalte zunehmend in die Pflichtfächer. Offiziell ist von „weltanschaulichen“ und „geistig-moralischen“ Inhalten die Rede. Grundlage ist die Liste traditioneller Werte aus Putins Erlass Nr. 809. Diese Werte wurden zunächst in die Bildungsstandards übernommen und gelangten von dort in die Lehrpläne und die staatlichen Schulbücher.
Seit diesem Jahr lernen Kinder der fünften Klasse das Fach „Geistig-moralische Kultur Russlands“. Im Mittelpunkt stehen die Biografien von Helden, die der Staat als Vorbilder präsentiert. Zu ihnen zählen sowohl orthodoxe Heilige als auch Teilnehmer am Krieg gegen die Ukraine. Auch die Umstellung auf einheitliche Geschichtsbücher für alle Schulen ist inzwischen abgeschlossen. Darin erscheint Russlands Geschichte als Abfolge großer Siege. Für die besetzten Gebiete wurden zudem eigene Schulbücher mit dem Titel „Die Geschichte unserer Region. Donbass und Noworossija“ veröffentlicht. Sie stellen den Süden und Osten der Ukraine als historische Teile des russischen Staates dar. Die ukrainische Armee wird als nationalsozialistisch bezeichnet, der heutige Krieg als Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs. In den höheren Klassen wird außerdem ein neuer Lehrplan für Gesellschaftskunde eingeführt, dessen Inhalte auf dem bereits genannten Erlass Nr. 809 beruhen. Das Bildungsministerium bezeichnet die überarbeitete Gesellschaftskunde ausdrücklich als „weltanschauliches Fach“.
Seit dem Schuljahr 2022/23 beginnt jede Unterrichtswoche an russischen Schulen mit „Gesprächen über Wichtiges“. Formal ist die Teilnahme freiwillig, tatsächlich aber handelt es sich um ein Pflichtfach. Das Bildungsministerium entwickelt die Vorgaben dazu und veröffentlicht sie auf einer eigenen Website. Sie enthalten den Text, den die Lehrkraft vortragen soll, die Fragen an die Kinder sowie Videos und Präsentationen. Oft sind die Themen aktuell und richten sich nach historischen Gedenktagen, staatlichen Feiertagen oder anderen Ereignissen. In den Begleitmaterialien steht, welche Werte aus der Liste des Präsidenten die jeweilige Stunde vermitteln soll. Dazu gehören etwa „Dienst am Vaterland und Verantwortung für sein Schicksal“, „Vorrang des Geistigen vor dem Materiellen“ oder „historisches Gedächtnis und Kontinuität der Generationen“.
Kurzfilme über die vorgestellten Helden werden vom orthodoxen Metropoliten der Krim und Simferopol, Tichon Schewkunow, produziert, einem Putin nahestehenden Geistlichen. In den vom russischen Bildungsministerium finanzierten Filmen ging es beispielsweise im September um den sowjetischen Spion Richard Sorge, um die Großfürstin Elisabeth Fjodorowna sowie um zwei „Helden der militärischen Spezialoperation“, wie der Krieg gegen die Ukraine offiziell heißt.
2024 wurde unter Mitwirkung des Verteidigungsministeriums das Fach „Grundlagen der Sicherheit und der Verteidigung des Vaterlandes“ eingeführt. Seit dem Schuljahr 2026/27 ist es in zwei Kurse aufgeteilt. Einer davon heißt „Militärische Grundausbildung“ – und dessen Ziel nennt das Bildungsministerium ganz schnörkellos „Bereitschaft zum Militärdienst“.
Die Zahl patriotischer und militaristischer Schulveranstaltungen hat sich seit 2022 vervierfacht
Für ihre gemeinsame Studie „Leave the kids alone. How the Kremlin normalizes war in Russia’s schools“ werteten das Forschungsprojekt CEDAR und der Londoner Thinktank NEST Centre fast eine Million öffentlich zugängliche Berichte russischer Bildungseinrichtungen über militärpatriotische Veranstaltungen aus. Außerdem sprachen die Forschenden mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern. Ein Ergebnis: Die Zahl patriotischer und militaristischer Schulveranstaltungen hat sich seit 2022 vervierfacht. Je kleiner der Ort, in dem die Schule liegt, desto eifriger setzen Schulleitung und Lehrkräfte die ideologischen Vorgaben um.
Bei Treffen mit Soldaten und Vorträgen über „Helden der militärischen Spezialoperation“ müssen die Schülerinnen und Schüler allerdings nur anwesend sein. Niemand überprüft, ob sie den „Stoff“ verstanden haben. Nach Angaben der befragten Lehrkräfte sind allzu lebhafte Reaktionen sogar unerwünscht. Zudem gelingt es den Lehrkräften selten, die ideologischen Aussagen selbst verständlich zu formulieren, etwa die Gründe und Ziele des Krieges. Die Schülerinnen und Schüler werden davon müde und gleichgültig. Befragte bezeichnen den patriotischen Unterricht als „Schlafstunden“.
Müdigkeit und Gleichgültigkeit im Klassenzimmer erzeugt Fügsamkeit
Doch gerade diese Gleichgültigkeit ist nach Ansicht der Studienautoren das wichtigste Ergebnis der Propaganda. Sie mündet in eine Fügsamkeit, die der autoritären Staatsmacht entgegenkommt. In solchen Unterrichtsstunden spricht nur die Lehrkraft. Die Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler beschränkt sich auf ihre Anwesenheit im Klassenraum. So lernen sie, sich Autoritäten unterzuordnen. Zugleich werden sie davon abgehalten, sich selbst zu organisieren und eigenständige Beziehungen untereinander aufzubauen.
Zu demselben Schluss kommt die finnische Forscherin Jonna Alava. Sie untersuchte Veröffentlichungen der unabhängigen russischen Gewerkschaft „Allianz der Lehrer“, wonach die Inhalte patriotischer Erziehung die Schülerinnen und Schüler kaum erreichen. Dem Staat genügt es jedoch, wenn sie an Ritualen teilnehmen und sich anpassen. Alava warnt: Eine Generation, für die Doppeldenken zur Normalität wird, wird die autoritäre Ordnung fortführen. Schulen vermitteln also nicht nur konkrete ideologische Erzählungen, die sich mit der politischen Lage ändern können, sondern geben auch immer mehr ein Verhaltensmuster weiter, das sich von Generation zu Generation fortsetzt. Das geschieht bereits mehrere Jahre – lange genug, damit dieses Muster als normal gilt und verinnerlicht wird.
Unterdessen wird der Zugang zu Hochschulbildung immer weniger ein Recht als ein Privileg, während sich eine Kriegsteilnahme zu einem wirksamen Weg zum sozialen Aufstieg entwickelt. Seit diesem Jahr ist die Zulassung zu gebührenpflichtigen Studienplätzen in 40 Fachrichtungen begrenzt. Zugleich sind die Studiengebühren im Durchschnitt um 10,7 Prozent gestiegen. Die Zahl staatlich finanzierter Studienplätze wächst nicht. Dabei schließen derzeit die geburtenstarken Jahrgänge 2007 bis 2009 die Schule ab. Entsprechend nimmt die Konkurrenz um Studienplätze zu.
Schon jetzt reichen die staatlich finanzierten Plätze nicht für alle Interessierten. Zehn Prozent davon sind für Kriegsteilnehmer und deren Kinder reserviert. Sie werden außerhalb des regulären Auswahlverfahrens zugelassen. Die Teilnahme am Krieg garantiert damit den Zugang zu einem gebührenfreien Studium. Diese Quote wird immer stärker genutzt: 2023 erhielten darüber rund 9.000 Menschen einen Studienplatz, 2025 waren es 28.500 und 2026 fast 42.000.
Während der „Teilmobilmachung“ im Herbst 2022 gewährte Wladimir Putin Vollzeitstudierenden per Erlass einen Aufschub der Einberufung. Darauf beruhte während der folgenden Kriegsjahre eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen dem Staat und der städtischen Mittelschicht: Studierende bleiben vom Krieg verschont, ihre Familien müssen sich keine Sorgen machen. 2026 wurde diese Vereinbarung gebrochen. Die Hochschulen wurden in eine verdeckte Mobilmachung einbezogen. Formal werden Studierende weiterhin nicht einberufen. Statt eines Einberufungsbescheids bietet man ihnen einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium an und die Universitäten übernehmen dabei die Rekrutierung selbst.
Wie russische Hochschulen zu Rekrutierungsanstalten wurden
Im April berichteten der Blog Faridaily und das online-Medium „iStories“ über ein Treffen des Wissenschafts- und Hochschulministers Valeri Falkow mit den Rektoren großer Universitäten. Falkow habe verlangt, dass mindestens zwei Prozent der Studierenden einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium unterzeichnen. Das entspricht etwa 44.000 Menschen. Das wäre mehr als die Hälfte der 78.800 Personen, die das Ministerium als Drohnen-Truppen rekrutieren wollte.
Um diese Vorgabe zu erfüllen, entwickelten die Universitäten zwei Ansätze. Der erste richtet sich an Studierende, denen wegen schlechter Leistungen die Exmatrikulation droht. Im Januar verschickte die Higher School of Economics, eine der größten und angesehensten Universitäten des Landes, entsprechende offizielle Schreiben. Empfänger waren Studierende, die Schwierigkeiten hatten, ausstehende Prüfungsleistungen nachzuholen. Ihnen wurde angeboten, ein Jahr als Vertragssoldaten bei den Drohnen-Truppen zu dienen. Anschließend könnten sie garantiert ihr Studium fortsetzen. Für die Entscheidung blieben ihnen drei Tage.
Im Februar äußerte sich auch Dmitri Liwanow, Rektor des Moskauer Instituts für Physik und Technologie und ehemaliger Bildungsminister, zu diesem Vorgehen. Im Akademischen Rat erklärte er, Studierende, denen die Exmatrikulation drohe, müssten über die Möglichkeit eines Dienstes bei den Drohnentruppen informiert werden. Die Universität St. Petersburg verband solche Schreiben mit dem Angebot eines einmaligen „Sonderstipendiums“ von 50.000 Rubel (ca 520 Euro).
Der zweite Ansatz richtet sich an Studienbewerberinnen und Studienbewerber. Im Juli machte dieselbe Higher School of Economics denjenigen ein Angebot, deren Prüfungsergebnisse für einen gebührenfreien Platz nicht ausreichten und deren Familien sich ein gebührenpflichtiges Studium nicht leisten konnten. Sie sollten einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium abschließen und ein Jahr bei den Truppen für unbemannte Systeme dienen. Danach verpflichtete sich die Universität, ihnen einen gebührenfreien Studienplatz zur Verfügung zu stellen. Anschließend führten auch das Allrussische Staatliche Institut für Kinematografie, das Moskauer Architekturinstitut und das Moskauer Konservatorium solche Programme ein. Einige regionale Universitäten folgten ebenfalls.
In beiden Fällen täuschen die Hochschulrektoren die jungen Menschen. Der „Vertrag für ein Jahr“ ist eine Fiktion. Solange in Russland die Mobilmachung in Kraft bleibt, laufen alle Verträge auf unbestimmte Zeit weiter. Die überlebenden Studierenden und Studienbewerber werden daher höchstwahrscheinlich nach einem Jahr nicht an die Universität zurückkehren. Außerdem können sie jederzeit von der Tätigkeit als Drohnenbediener in die Sturminfanterie oder andere Truppenteile versetzt werden.
Veränderungen, die den Krieg überdauern werden
Was in den vergangenen vier Jahren mit Schulen und Universitäten geschehen ist, ist nur ein Teil des umfassenden Umbaus der russischen Gesellschaft für die Bedürfnisse des Krieges. Gerade am Bildungswesen zeigt sich aber, dass diese Veränderungen den Krieg überdauern und langfristige Folgen haben werden. Die ideologische Arbeit ist fest in der Verwaltungsbürokratie verankert. Mit ihr sind Stellen, Haushaltsmittel und Karrierewege verbunden. Es ist ein eigener Beschäftigungsbereich entstanden, der sich aus institutioneller Trägheit heraus selbst erhalten wird.
Die Vergünstigungen und Privilegien verändern zudem die Zusammensetzung der künftigen Elite. Unter den Absolventinnen und Absolventen der besten Universitäten werden in den 2030er-Jahren Tausende Menschen sein, die ohne ihre Teilnahme am Krieg dort keinen Studienplatz erhalten hätten. Darüber hinaus tragen die Rektoren und Hochschulverwaltungen inzwischen moralische Verantwortung für den Krieg. Aus symbolischer Unterstützung ist aktive Mitwirkung geworden. 2022 unterzeichneten fast 700 Rektoren einen Aufruf des Russischen Rektorenverbandes zur Unterstützung der Großinvasion. Vier Jahre später leiten sie selbst die Rekrutierung von Studierenden für die Armee. Zugleich eröffnen sie Studienprogramme zur Entwicklung von Drohnen für die Front.
Diese Personen werden vermutlich auch nach dem Krieg auf ihren Posten bleiben. Jeder Versuch, den Universitäten ihre Autonomie und die akademische Freiheit zurückzugeben, wird deshalb auf den Widerstand dieser Hochschulverwaltungen stoßen, die bereits gezeigt hat, dass sie bereit ist, auf Anweisung von oben ihre eigenen Studenten der Armee zu überlassen.
Ksenia Lutschenko (Luchenko) ist Research Fellow am Londoner Thinktank New Eurasian Strategies (NEST) Centre, wo sie zum Verhältnis von Staat und Kirche sowie zu Ideologie und Medien in Russland forscht. Bevor sie Russland 2022 verließ, leitete sie die Fakultät Medienkommunikation an der privaten Moskauer Schaninka-Universität, wo sie auch Kommunikationswissenschaften unterrichtete. Zuvor hatte sie viele Jahre für Medien des Moskauer Patriarchats der russisch-orthodoxen Kirche gearbeitet. 2025 erschien ihr Buch “Mit guten Absichten: Russisch-Orthodoxe Kirche und Staat von Gorbatschow bis Putin” (ISIA Media, bisher nur auf Russisch). Im März 2026 wurde sie in Abwesenheit von einem Moskauer Gericht zu acht Jahren Haft wegen „Verbreitung von Falschnachrichten“ verurteilt. Sie lebt in Berlin.
Deutsche Bearbeitung: Nikolaus von Twickel
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