Risse im System

Andrei Klepatsch während einer sicherheitspolitischen Tagung bei Moskau, 2022. Foto: IMAGO
Russlands Eliten beginnen, das Unsagbare auszusprechen: Der Krieg ist eine Katastrophe. Jüngstes Beispiel ist die Affäre um den Ökonomen Andrei Klepatsch, der seinen Posten bei einer Staatsbank räumen musste, nachdem er sich pessimistisch über die Wirtschaftsaussichten geäußert hatte.
Bevor ein totalitäres Regime zusammenbricht, gibt es oft erste Anzeichen, die trivial erscheinen. Etwa, wenn jemand ausspricht, was nicht gesagt werden darf. Das mag eine einzelne oder leise Stimme sein. Doch sie durchbricht das Klima der Angst. Reagiert das Regime, sieht es dumm aus; reagiert es nicht, sieht es schwach aus. Tabus lösen sich auf, Verschwörungen verbreiten sich, die Staatsmacht schwindet.
Russland ist voller Wahrheiten, die niemand aussprechen darf – sei es aus Komplizenschaft oder aus Angst vor Repression
Ich habe das 1989 in der damaligen Tschechoslowakei erlebt. In Russland gibt es heute Hinweise auf eine ähnliche Entwicklung. Anlass sind die vorige Woche bekannt gewordenen öffentlichen Äußerungen von Andrei Klepatsch. Der ist Chefökonom der staatlichen Wneschekonom-Bank, besser bekannt unter dem Akronym VEB. Russland ist voller Wahrheiten, die niemand aussprechen darf – sei es aus Komplizenschaft oder aus Angst vor Repression. Bei einem Vortrag im Nikitsky Club, einem exklusiven Moskauer Diskussionsforum, durchbrach Klepatsch diese Mauer. Er sagte, dass wegen der Unterstützung des Westens für Kyjiw der Abnutzungskrieg gegen die Ukraine für Russland nicht zu gewinnen sei. Die Erwartung, dass die Ukraine zusammenbrechen werde, sei eine „Illusion“. Russland hingegen entwickle sich zu einem rückständigen Land in dem sich eine soziale Krise zusammenbraue.
Deja vu 1989 in Prag
Ich musste an den August 1989 zurückdenken. Damals suchte ich in Prager Zeitungskiosken nach einer wenig bekannten Wirtschaftszeitschrift, die ein kommunistisch kontrolliertes Forschungsinstitut für Agrarökonomie herausgab. Doch alle Exemplare des eigentlich todlangweiligen Technický magazin waren ausverkauft. Darin stand ein Artikel mit dem Titel „Prognosen und Wiederaufbau“. Er legte das Scheitern der Planwirtschaft offen, die die Tschechoslowakei, so der Autor, zu einem rückständigen Land machte.
Das stimmte, und jeder wusste es. Die Rückständigkeit war demütigend für diejenigen Menschen, die wussten, dass ihr Land vor dem angeblichen sozialistischen Wunder das industrielle Herz Mitteleuropas gewesen war. Samisdat-Schriften und ausländische Radiosender berichteten darüber. Auch die Medien in anderen kommunistischen Ländern, die sich schneller reformierten – Polen, Ungarn und sogar die Sowjetunion –, sprachen offen davon. Doch die offizielle Linie in der Tschechoslowakei lautete, Reformen seien unnötig. Das Regime, das nach dem sowjetischen Einmarsch von 1968 eingesetzt worden war, setzte diese Linie rigoros durch.
Der Autor des Artikels war ein damals kaum bekannter Ökonom namens Miloš Zeman. Er wurde genötigt, im staatlich kontrollierten Fernsehen aufzutreten und seine Aussagen zurückzunehmen – aber stattdessen wiederholte er seine Botschaft. Auch diese Sendung wurde ausgestrahlt – ein weiteres bemerkenswertes Versagen der Zensur. Zeman wurde entlassen. Das aggressive Zentralorgan der Kommunistischen Partei, Rudé právo („Rotes Recht“), griff ihn scharf an. Daraufhin klagte er auf eine Gegendarstellung, etwas, das noch vor wenigen Monaten absurd erschienen wäre. Und noch bevor der Fall vor Gericht kam, war das Regime in der „Samtenen Revolution“ zusammengebrochen.
Die Parallelen sind nicht perfekt. 1989 war der Kreml sichtbar ungeduldig mit den starrköpfigen Prager Bürokraten und suchte hinter den Kulissen nach einer moderneren Führung. Zeman hatte das bemerkt. Wer könnte Klepatsch heute den Mut geben, sich öffentlich zu äußern? China? Wir wissen es nicht. Und Zeman, der später Ministerpräsident und dann Präsident Tschechiens wurde, war keineswegs ein Vorbild für Demokratie und Liberalismus. Sein anfangs durchaus bewundernswerter Hang zum Widerspruch – unter dem Kommunismus wurde er viermal entlassen – entwickelte sich zu einem gereizten und vulgären Politikstil. Er war euroskeptisch, leugnete den Klimawandel, stand China nahe und vertrat mitunter kremlfreundliche Positionen. Zudem wurden er und sein Team immer wieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert.
Man mag Putins Abgang begrüßen. Man sollte aber nicht automatisch annehmen, dass danach alles besser wird
Das ist ein wichtiger Hinweis für alle, die auf einen politischen Wandel in Russland hoffen: Man mag Putins Abgang mit Euphorie begrüßen. Man sollte aber nicht automatisch annehmen, dass danach alles besser wird.
Zunächst ist vor allem wichtig, dass diese Konflikte innerhalb des Regimes sichtbar werden. Schon vor einigen Wochen forderte German Gref, Chef der staatlichen Sberbank, ein rasches Ende des Krieges. Wie Klepatsch kritisierte auch er die straffe Geldpolitik der russischen Zentralbank. Bislang ist keiner der beiden aus einem Fenster gestürzt – ein Schicksal, das in der Vergangenheit Menschen traf, die den Kreml öffentlich kritisierten. Klepatsch wurde „nur“ gefeuert, nachdem seine Einlassungen bekannt wurden. Wer wird als Nächstes seine Stimme erheben? Und was wird diese Person sagen? Es bleibt spannend.
Das englische Original dieses Artikels finden Sie auf der Substack-Seite des Autors.
Deutsche Bearbeitung: Nikolaus von Twickel
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