Russ­lands eth­ni­sche Min­der­hei­ten: Zwi­schen Unter­drü­ckung und Dekolonisierung

Junge Frauen während der Feiern zum Welttag der Indi­ge­nen Völker am 9. August 2025 in der nord­si­bi­ri­schen Stadt Dudinka. In diesem Jahr soll erst­mals ein „Tag der Indi­ge­nen kleinen Völker Russ­lands“ began­gen werden – am 30. April. Ein Dekret dazu hatte Putin im Novem­ber unter­zeich­net. Foto: IMAGO

Offi­zi­ell ist Russ­land ein Viel­völ­ker­staat dessen eth­ni­sche Min­der­hei­ten von der Ver­fas­sung Schutz genie­ßen. In Wirk­lich­keit werden die Rechte der nicht­rus­si­schen Völker seit Jahren dras­tisch ein­ge­schränkt, seit 2024 droht allen, die sich in Russ­land für eth­ni­sche und indi­gene Gruppen ein­set­zen, Straf­ver­fol­gung unter den dra­ko­ni­schen Extre­mis­ten-Geset­zen des Landes. Yeli­za­veta Lan­den­ber­ger fasst die Situa­tion zusammen.

Im Deut­schen ist die Unter­schei­dung der Begriffe „russ­län­disch“ und „rus­sisch“, die es im Rus­si­schen gibt, nach wie vor eher unüb­lich. Dabei ist sie durch­aus sinn­voll – viele Ein­woh­ner Russ­lands („Russ­län­der“) sind keine eth­ni­schen Russen – laut letztem Zensus geben 71 Prozent an, rus­sisch zu sein, schät­zungs­weise etwa jeder vierte oder fünfte Ein­woh­ner wäre demnach Ange­hö­ri­ger indi­ge­ner Völker oder eth­ni­scher Min­der­hei­ten. Offi­zi­ell wird von natio­na­ler Zuge­hö­rig­keit bzw. Natio­na­li­tät gespro­chen. In der Ver­fas­sung der Rus­si­schen Föde­ra­tion ist gleich am Anfang in der Prä­am­bel vom „mul­ti­na­tio­na­len Volk der Rus­si­schen Föde­ra­tion“ die Rede, das „die einzige Quelle der Macht“ bilde. Als eth­ni­sche Min­der­hei­ten werden die grö­ße­ren Gruppen wie Tataren, Basch­ki­ren oder Jakuten bezeich­net. Indi­gene Völker sind laut rus­si­schem Gesetz eth­ni­sche Gemein­schaf­ten mit weniger als 50.000 Ange­hö­ri­gen, die in den Sied­lungs­ge­bie­ten ihrer Vor­fah­ren leben. Ins­ge­samt gibt es ca. 315.000 Per­so­nen aus dieser Gruppe, wobei Nenzen die größte Gruppe bilden.

Russ­lands kolo­niale Geschichte

Diese Mul­ti­na­tio­na­li­tät hat his­to­ri­sche Gründe. Ab dem 16. Jahr­hun­dert begann Moskau eine kolo­niale Expan­sion nach Süden und Osten, die sich schließ­lich bis an den Pazifik erstreckte und zeit­weise gar Alaska ein­schloss, und inte­grierte Ter­ri­to­rien ins Zaren­reich, auf denen andere Völker lebten. Sie wurden gewalt­sam erobert, rus­si­fi­ziert und teil­weise chris­tia­ni­siert. Diese Erobe­run­gen sind der Grund, weshalb die Rus­si­sche Föde­ra­tion heute das Land mit der größten Fläche der Welt ist. Die kolo­niale Ver­gan­gen­heit wurde in Russ­land nie auf­ge­ar­bei­tet und ist auch im Ausland ver­gleichs­weise wenig bekannt. Im Zuge des Zer­falls der Sowjet­union streb­ten einige der kolo­ni­sier­ten Regio­nen wieder nach Selbstbestimmung.

1991 erklärte sich Tsche­tsche­nien (als „Tsche­tsche­ni­sche Repu­blik Itsch­ke­rien“) für unab­hän­gig, andere Regio­nen ver­laut­bar­ten Sou­ve­rä­ni­täts­er­klä­run­gen für mehr Auto­no­mie inner­halb der Rus­si­schen Föde­ra­tion, etwa Tatar­stan, Jaku­tien (Sacha) und Basch­kor­to­stan. Die indi­ge­nen Völker und Min­der­hei­ten wollten mehr kul­tu­relle und poli­ti­sche Eigen­stän­dig­keit sowie die Kon­trolle über ihre eigenen Res­sour­cen – Jaku­tien etwa verfügt neben Erdöl, Erdgas und Kohle auch über Metalle, Mine­ra­lien, Dia­man­ten und Gold. Tsche­tsche­nien wurde mittels zweier bru­ta­ler Kriege zwangs­weise in die Rus­si­sche Föde­ra­tion re-inte­griert, die anderen Regio­nen ver­lo­ren unter der Herr­schaft Wla­di­mir Putins die meisten ihrer Auto­no­mie­rechte aus den Neunzigerjahren.

Benach­tei­li­gung steht an der Tagesordnung

Es besteht in der Rus­si­schen Föde­ra­tion ein starkes öko­no­mi­sches Gefälle zwi­schen den Städten im Westen des Landes, allen voran Moskau und Sankt Peters­burg, und den rest­li­chen Regio­nen, von denen viele von indi­ge­nen Völkern und Min­der­hei­ten bewohnt werden. Dort sind die Armuts­quo­ten hoch, die Infra­struk­tur ist schwach aus­ge­baut und die vor­han­dene marode. Im Kontext des Krieges werden über­pro­por­tio­nal viele Ange­hö­rige eth­ni­scher Min­der­hei­ten und indi­ge­ner Völker durch die pre­kä­ren Lebens­be­din­gun­gen dazu moti­viert, einen Vertrag bei der Armee zu unter­schrei­ben, oder zwangsmobilisiert.

Einer Recher­che des Lokal­me­di­ums Ljudi Baikala zufolge haben die Ein­woh­ner der Repu­blik Bur­ja­ten im Osten der Rus­si­schen Föde­ra­tion, wo die Min­der­heit der Bur­ja­ten einen signi­fi­kan­ten Anteil der Bevöl­ke­rung aus­macht, ein rund 30 Mal höheres Risiko im Krieg in der Ukraine zu sterben als die Ein­woh­ner Moskaus. Das unab­hän­gige rus­si­sche Medium Media­zona wertet in einem groß­an­ge­leg­ten Projekt Todes­an­zei­gen aus, um daraus die Zahl der im Krieg gefal­le­nen Sol­da­ten zu rekon­stru­ie­ren. Auch dort zeich­net sich dieser Kon­trast von Zentrum und Peri­phe­rie ab: Die zah­len­mä­ßig meisten der gegen­wär­tig 206.202 bestä­tig­ten Toten stammen aus Basch­kor­to­stan, gefolgt von Tatarstan.

Dis­kri­mi­nie­rung gibt es zudem auf der Ebene eines all­ge­mei­nen Ras­sis­mus gegen­über Ein­wan­de­rern, aber auch Min­der­hei­ten. Die Ver­fas­sung der Rus­si­schen Föde­ra­tion soll eigent­lich den Schutz der eth­nisch-kul­tu­rel­len Viel­falt garan­tie­ren, doch die Rea­li­tät ist eine andere. 2017 wurde der obli­ga­to­ri­sche Schul­un­ter­richt in der jewei­li­gen Regio­nal­spra­che abge­schafft. Dis­kri­mi­nie­rung ist tief in der Gesell­schaft ver­wur­zelt. Es ist üblich, dass etwa bei Woh­nungs­an­zei­gen „nur an Slawen“ ver­mie­tet wird, „Nicht­russe“ hat sich als Schimpf­wort eta­bliert – wurde aber dann wie­derum von deko­lo­nia­len Akti­vis­ten im Exil zur empowern­den Selbst­be­zeich­nung umge­kehrt. Laut Recher­chen des US-finan­zier­ten Senders Currenttime.tv haben Feind­se­lig­kei­ten gegen Zuwan­de­rer sowie indi­gene Völker und eth­ni­sche Min­der­hei­ten mit Beginn der Groß­in­va­sion sogar zugenommen.

Gezielte Repres­sio­nen und deko­lo­nia­ler Schein

Seit 2022 sind die indi­ge­nen Völker Russ­lands zuneh­mend unbarm­her­zi­gen Repres­sio­nen aus­ge­setzt. Im Juni 2024 erklärte das rus­si­sche Oberste Gericht eine (nicht exis­tie­rende) „anti­rus­si­sche sepa­ra­tis­ti­sche Bewe­gung“ zur extre­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tion. Dieser juris­ti­sche Schach­zug, der auch gegen die LGBT-Bewe­gung ange­wen­det wurde, erlaubt es der rus­si­schen Justiz, die dra­ko­ni­schen Extre­mis­mus-Gesetze fak­tisch gegen alle ein­zu­set­zen, die sich für die Rechte von eth­ni­schen Min­der­hei­ten und Indi­ge­nen ein­set­zen. Bislang sind davon 50 Orga­ni­sa­tion betroffen.

Am 17. Dezem­ber fanden bei min­des­tens 17 Akti­vis­ten Durch­su­chun­gen statt. Die Klima- und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin Darja Jege­rewa (Egereva), als Sel­ku­pin Ange­hö­rige eines sibi­ri­schen Volkes mit geschätzt gerade einmal 3.500 Mit­glie­dern, sowie eine unbe­kannte Person wurden dabei ver­haf­tet. Jege­rewa sitzt derzeit in Unter­su­chungs­haft, ihr drohen wegen angeb­li­cher Betei­li­gung an einer ter­ro­ris­ti­schen Orga­ni­sa­tion bis zu 20 Jahre Gefängnis.

Sarah Reinke, Lei­te­rin der Men­schen­rechts­ar­beit bei der Gesell­schaft für bedrohte Völker (GfbV) sagt: „Russ­land hat die Ver­fol­gung indi­ge­ner Akti­vis­ten in den ver­gan­ge­nen Monaten inten­si­viert.“ Es handele sich um eine sys­te­ma­ti­sche Kam­pa­gne. Die „Indi­ge­nous of Russia Foun­da­tion“ erklärt: „Russ­land ver­folgt auf­grund seiner kolo­nia­len Natur indi­gene Völker in großem Maßstab. Die einzige Rolle, die Russ­land für indi­gene Völker hat, ist die einer Puppe in bunten Klei­dern, um Pro­pa­ganda über Russ­land als anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Macht zu produzieren.“

Tat­säch­lich führte Putin per Dekret im Novem­ber 2025 den „Tag der Spra­chen der Rus­si­schen Föde­ra­tion“ und den „Tag der indi­ge­nen Min­der­hei­ten der Rus­si­schen Föde­ra­tion“ als natio­nale Fei­er­tage ein. Letz­te­rer solle „die tra­di­tio­nelle Lebens­weise, die wirt­schaft­li­che Tätig­keit, die Hand­werks­be­rufe und die eigen­stän­dige Kultur“ der Völker bewah­ren. Während die rus­si­sche Führung einer­seits poli­ti­sche Akti­vis­ten unte­drückt, wohl auch, weil sie Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen wie es sie in den 1990er Jahren gab, fürch­tet, baut sie zugleich eine deko­lo­niale Fassade auf, die etwa im glo­ba­len Süden impo­nie­ren soll.

Der Krieg und die resul­tie­rende ideo­lo­gi­sche Beto­nung der „Einheit der Völker Russ­lands“ – Putin stellte das lau­fende Jahr gar unter dieses Motto – sorgen dafür, dass weder Dissens noch wahre Plu­ra­li­tät gedul­det werden. Poli­tisch aktive Ange­hö­rige eth­ni­scher Min­der­hei­ten und indi­ge­ner Völker, die etwa For­de­rung nach Umwelt- und Kul­tur­schutz stellen, sind aus Sicht des Kremls Stör­fak­to­ren für den Zusam­men­halt der kriegs­füh­ren­den Gesell­schaft. Die radi­ka­le­ren Stimmen unter den deko­lo­nia­len Akti­vis­ten, die offen eine Auf­spal­tung Russ­lands in unab­hän­gige Repu­bli­ken fordern, dienen dem Kreml als Vorwand, um alle unter Gene­ral­ver­dacht zu stellen.

Deko­lo­ni­sie­rung als Agenda der neuen PACE-Plattform

Während in Russ­land die Repres­sio­nen weiter zuneh­men, gibt es im Exil hoff­nungs­vol­lere Ent­wick­lun­gen. Am 1. Oktober 2025 ver­ab­schie­dete die Par­la­men­ta­ri­sche Ver­samm­lung des Euro­pa­rats (PACE) eine Reso­lu­tion zur Schaf­fung einer „Platt­form für den Dialog mit rus­si­schen demo­kra­ti­schen Kräften“. Mit der Platt­form soll es erst­mals auf euro­päi­scher Ebene eine Insti­tu­tion geben, die demo­kra­tisch gesinnte Russen reprä­sen­tiert und ihnen ein Sprach­rohr ver­leiht. (Von 1996 bis 2022 war auch Russ­land PACE-Mit­glied, doch nach Beginn der Groß­in­va­sion in die Ukraine wurde das Land aus dem Euro­pa­rat aus­ge­schlos­sen.) Die Mit­glie­der der Platt­form sollen bekannte Per­sön­lich­kei­ten von „höchs­ter mora­li­scher Inte­gri­tät“ aus dem Exil sein und jähr­lich wech­seln. Da ihnen die Legi­ti­ma­tion durch freie Wahlen fehlt, besit­zen sie kein Stimm­recht bei PACE-Reso­lu­tio­nen. Sie können jedoch an Arbeits­grup­pen teil­neh­men und haben bera­tende Funktion.

Am 29. Januar fand in Straß­burg das erste Treffen der Platt­form unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit statt. Bemer­kens­wert – und inner­halb der rus­si­schen Oppo­si­tion beson­ders umstrit­ten – ist ihr starker Fokus auf eth­ni­sche Min­der­hei­ten und Indi­gene. In der PACE-Reso­lu­tion wird betont, dass die „Frage der Rechte der indi­ge­nen Völker und natio­na­len Min­der­hei­ten der Rus­si­schen Föde­ra­tion“ sowie die Bereit­schaft zu einem bedeut­sa­men Dialog mit deren Ver­tre­tern eine ent­schei­dende Rolle bei der Gestal­tung eines demo­kra­ti­schen poli­ti­schen Systems spielen: „Die Ange­le­gen­heit der Über­win­dung des kolo­nia­len Erbes der Rus­si­schen Föde­ra­tion müsste ange­gan­gen werden, ein­schließ­lich der Anlie­gen und Inter­es­sen der indi­ge­nen und kolo­nia­li­sier­ten Völker, die in den Gebie­ten der kon­sti­tu­ie­ren­den Ein­hei­ten der Rus­si­schen Föde­ra­tion leben.“

Ent­spre­chend ist laut der Reso­lu­tion ein Drittel der Sitze der Platt­form für Ver­tre­ter indi­ge­ner Völker und Min­der­hei­ten reser­viert. Diese ver­gleichs­weise hohe Quote geht maß­geb­lich auf die Initia­tive der ukrai­ni­schen PACE-Dele­ga­tion zurück, die der Ein­rich­tung der rus­si­schen Platt­form eher skep­tisch gegen­über­stand und ein Gegen­ge­wicht zu den pro­mi­nen­ten rus­si­schen Oppo­si­tio­nel­len schaf­fen wollte. Zu den Mit­glie­dern gehören der tsche­tsche­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Ruslan Kutaev, frü­he­rer Vize­pre­mier­mi­nis­ter der Tsche­tsche­ni­schen Repu­blik Itsch­ke­rien und ehe­ma­li­ger poli­ti­scher Gefan­ge­ner; Eka­te­rina Kuz­nets­ova, Künst­le­rin und Vor­sit­zende des Hauses Ingria im est­ni­schen Narva; Pavel Suly­and­ziga, Akti­vist des ost­si­bi­ri­schen Udege-Volkes und Gründer der Batani-Stif­tung zum Schutz kleiner indi­ge­ner Völker; Lana Pylaeva, Lei­te­rin des unab­hän­gi­gen Medi­en­por­tals „Komi Daily“; sowie Wassili „Batlai“ Matenow, Redak­ti­ons­mit­glied des Mediums „Asians of Russia“ und bur­ja­ti­scher deko­lo­nia­ler Aktivist.

Es wird sich zeigen, wie ein­fluss­reich die Platt­form wirk­lich ist, und ob sie ein neues breites Bewusst­sein für Russ­lands kolo­niale Geschichte und dis­kri­mi­nie­rende Gegen­wart gegen Ange­hö­rige indi­ge­ner Völker und eth­ni­scher Min­der­hei­ten eta­blie­ren kann.

Yeli­za­veta (Eli­sa­beth) Lan­den­ber­ger ist freie Jour­na­lis­tin sowie wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Sla­wis­tik der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Berlin.

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