Zukunfts­sze­na­rien für Russ­land: ein opti­mis­ti­scher aber rea­lis­ti­scher Ausblick

Putin hat in Russ­land eine Dik­ta­tur eta­bliert, aber das Land ist nicht dazu ver­dammt, eine fins­tere impe­ria­lis­ti­sche Macht zu sein. Ein demo­kra­ti­scher Wandel in Russ­land ist möglich und die freie Welt muss ihn unter­stüt­zen, schreibt Wla­di­mir Milow.

Dieses Paper ist im Rahmen des „Expert Network Russia“ erschie­nen. Dort finden Sie auch das eng­lische Ori­gi­nal! РУССКАЯ ВЕРСИЯ

Die pol­ni­sche Exper­tin Maria Domanska hat uns eben­falls eine Ein­schät­zung zu Russ­lands Zukunft gescrie­ben. Beide Paper als PDF gibt es auf Deutsch und auf Eng­lisch. 

ZUSAMMENFASSUNG

Die jetzige Dik­ta­tur in Russ­land und ihre aggres­sive impe­riale Politik spie­gelt nicht den Willen der rus­si­schen Bevöl­ke­rung wider, sondern ist Ergeb­nis einer Macht­er­grei­fung durch eine Clique um Wla­di­mir Putin. Die ver­gan­ge­nen Jahre haben gezeigt, dass die rus­si­sche Gesell­schaft eigent­lich Demo­kra­tie und normale Bezie­hun­gen zum Westen wünscht.

Portrait von Wladimir Milow

Wla­di­mir Milow ist ein rus­si­scher Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker, Publi­zist und Energieexperte.

Das herr­schende Regime wird sich nicht ändern, solange Putin an der Macht ist. Aber wenn er eines Tages abtritt, ist ein demo­kra­ti­scher Wandel viel wahr­schein­li­cher als eine weitere Radi­ka­li­sie­rung. Denn die Kosten der jet­zi­gen impe­ria­lis­ti­schen Politik sind enorm, während jede Form der Libe­ra­li­sie­rung riesige Vor­teile bringt. Deshalb wird es für die oppor­tu­nis­ti­schen Eliten, die bisher Putin unter­stützt haben, ratio­nal sein, einen kon­zi­li­an­te­ren Kurs einzuschlagen.

Vor­her­sa­gen, dass Russ­land aus­ein­an­der­bre­chen wird wie einst die Sowjet­union, beruhen auf fal­schen Annah­men. Die nicht­rus­si­schen Regio­nen haben nicht annä­hernd so viel Natio­nal­be­wusst­sein wie die Sowjet­re­pu­bli­ken 1991. Außer­dem wäre es für sie enorm schwie­rig, außer­halb des rus­si­schen Staats­ver­bun­des zu über­le­ben. Sepa­ra­tis­ti­sche Bestre­bun­gen haben nur wenig Rück­halt in der Bevöl­ke­rung, aber Rufe nach mehr Selbst­be­stim­mung können helfen, ein demo­kra­ti­sches Russ­land zu einer echten Föde­ra­tion zu machen.

Der Weg Russ­lands zu einer echten Demo­kra­tie mag noch weit sein, aber die Grund­vor­aus­set­zun­gen dafür – der Wunsch nach Demo­kra­tie und die Ableh­nung von Auto­kra­tie – sind vor­han­den. Die west­li­chen Demo­kra­tien sollten aus ihren Fehlern lernen und den kom­men­den demo­kra­ti­schen Wandel in Russ­land unter­stüt­zen statt ihn zu brüskieren.

Es ist nicht leicht, über mög­li­che Zukunfts­sze­na­rien für ein Russ­land nach dem Krieg zu spre­chen. Die poli­ti­sche Debatte in Russ­land wird tra­di­tio­nell vom Status quo beherrscht: ein rück­sichts­lo­ses, repres­si­ves Unrechts­re­gime ohne mora­li­sche Skrupel, das noch immer über erheb­li­che Res­sour­cen verfügt, und eine passive Zivil­ge­sell­schaft, die schein­bar jedes auch nur annä­hernd unab­hän­gige poli­ti­sche Ver­hal­ten abge­legt hat.

Dabei darf man aber fol­gen­des nicht ver­ges­sen: Das poli­ti­sche System in Russ­land glich in den letzten 50 Jahren einer Ach­ter­bahn­fahrt, trotz stän­di­ger Beteue­run­gen der Herr­schen­den, dass, wenn „der Sozia­lis­mus im Stile Bre­sch­news für immer exis­tiert“, auch „die Demo­kra­tie für immer exis­tiert“. Das­selbe wird nun über Putins Regime gesagt, auch es sich nur mit Mühe halten kann. Russ­lands Res­sour­cen sind knapp und schwin­den, der mono­po­lis­ti­sche Diri­gis­mus in der Wirt­schafts­po­li­tik funk­tio­niert nicht, und China ist nicht daran inter­es­siert, stra­te­gisch in den glo­ba­len Auf­stieg eines neuen Russ­lands zu inves­tie­ren. Nach einem Jahr­zehnt sin­ken­der Lebens­stan­dards – die Russen sind im Durch­schnitt 15 Prozent ärmer als vor der Krim-Anne­xion 2014 – haben die Men­schen ihre Lage satt. Seit 2008 fallen Putins Beliebt­heits­werte: Diesem Trend konnte er nur mit extre­men Maß­nah­men wie der Krim-Anne­xion (deren posi­tive Wirkung nicht lange anhielt) und dem Ein­marsch in die Ukraine 2022 ent­ge­gen­steu­ern. Das aktu­elle System ist offen­sicht­lich nicht in der Lage, der rus­si­schen Bevöl­ke­rung einen Weg nach vorne, geschweige denn eine Zukunfts­vi­sion zu bieten.

All das weist darauf hin, dass Ver­än­de­run­gen bevor­ste­hen. Doch wie genau könnten die aussehen?

Status quo mit Putin oder einer anderen Führungsfigur

Solange Putin alles kon­trol­liert, kann von poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen in Russ­land natür­lich keine Rede sein. In den über 20 Jahren, die er an der Macht ist, hat er die Elite im klas­si­schen poli­ti­schen Sinne zer­stört – was in den Medien als „Elite“ bezeich­net wird, sind meist Leute ohne eigene poli­ti­sche Basis, die völlig abhän­gig von Putin sind und aus Angst vor poli­ti­scher Ver­fol­gung nicht mehr eigen­stän­dig agieren können. Darüber hinaus hat Putin die orga­ni­sierte Oppo­si­tion zer­schla­gen, die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ent­po­li­ti­siert und mit Repres­sio­nen zu Tode erschreckt. Er glaubt, die Kon­trolle ewig in der Hand halten zu können, und hat ein kom­ple­xes System errich­tet, um sich gegen jede Art von Kom­plott oder Putsch­ver­such zu schüt­zen (dieses Thema wäre eine eigene Unter­su­chung wert).

Was auch immer Putin im Ein­zel­nen über seine Mission, seine Ziele und seine Rolle in der Geschichte denken mag, das mentale Muster ist klar: Er weiß es besser als alle anderen und hält sich für einen ein­zig­ar­ti­gen Führer von glo­ba­ler Bedeu­tung, der viele Jahre und Schwie­rig­kei­ten über­stan­den hat, ohne stän­di­ger Rota­tion unter­wor­fen zu sein, wie andere Staats­ober­häup­ter oder rus­si­sche Polit-Schwer­ge­wichte. Der Glaube an die eigene Ein­zig­ar­tig­keit treibt sein Denken gerade sehr stark an, und solange er an der Spitze steht, wird das wohl auch so bleiben.

Doch früher oder später wird Putin gehen. Und es gibt Grund zu der Annahme, dass seine Nach­fol­ger – auch wenn sie zunächst die Fassade eines ähnlich gefes­tig­ten impe­ria­lis­ti­schen Regimes auf­recht­erhal­ten – ver­su­chen werden, eine deut­li­che Kehrt­wende in der Innen- und Außen­po­li­tik ein­zu­lei­ten. Dafür spre­chen unter anderem fol­gende Gründe:

  • Putins Elite besteht mehr­heit­lich aus reinen Oppor­tu­nis­ten, die sich nicht an eine bestimmte Ideo­lo­gie gebun­den fühlen. Es gibt nam­hafte Aus­nah­men wie Nikolai Patru­schew, den Sekre­tär des Natio­na­len Sicher­heits­rats, und mög­li­cher­weise einige andere „Aja­tol­lahs“ an der Spitze, aber sie sind in der Min­der­heit und haben nicht die Mittel, sich die Macht lang­fris­tig zu sichern. Patru­schew ist 71 Jahre alt und verfügt weder über genü­gend Cha­risma noch Legi­ti­ma­tion der Bevöl­ke­rung (anders als Putin 1999/​2000), so dass er kaum eine per­sön­li­che Macht wie Putin auf­bauen könnte (schließ­lich grün­dete sich dessen Macht­fes­ti­gung zu einem großen Teil auf seine Popu­la­ri­tät als junger, dyna­mi­scher Anfüh­rer). Die rest­li­che rus­si­sche „Elite“ ver­tritt keine bestimmte Ideo­lo­gie oder Werte und hat ihr Fähn­chen im Laufe der Kar­riere oft nach dem Wind gehängt (wie sich leicht zurück­ver­fol­gen lässt). Sie haben keine tief ver­wur­zel­ten Motive, um an Putins Ideo­lo­gie festzuhalten.
  • Eine Fort­set­zung des aktu­el­len Kurses bringt hor­rende Kosten für die Elite mit sich, während eine poli­ti­sche Wende klare Vor­teile bedeutet.
  • Die Putin­schen Eliten sind sich der anhal­ten­den Unzu­frie­den­heit der Bevöl­ke­rung mit dem Groß­teil ihrer Sozial- und Wirt­schafts­po­li­tik bewusst. Im Grunde hält die Men­schen nur Wla­di­mir Putins alles beherr­schende per­sön­li­che Auto­ri­tät bei der Stange, die er über 20 Jahre lang auf­ge­baut hat. Keiner seiner Nach­fol­ger hätte eine ähn­li­che Legi­ti­mi­tät und öffent­li­che Auto­ri­tät, um einen poli­ti­schen Kurs und Ent­schei­dun­gen gegen den Willen der Bevöl­ke­rung durchzusetzen.
  • Es gibt aus der rus­si­schen Bevöl­ke­rung keine For­de­run­gen nach einem aggres­si­ven impe­ria­lis­ti­schen Kurs. Sowohl der Angriff auf die Ukraine 2014 als auch der 2022 begon­nene Krieg haben die rus­si­sche Öffent­lich­keit völlig unvor­be­rei­tet getrof­fen; Umfra­gen von vor dem Ein­marsch zeigen kei­ner­lei Ambi­tio­nen in dieser Rich­tung. Obwohl es in der Bevöl­ke­rung breite Zustim­mung (die wie­derum dif­fe­ren­ziert betrach­tet werden muss) für Putins Krieg gibt, halten die meisten Russen Frie­dens­ver­hand­lun­gen für den besten Weg. Viele Umfra­gen zeigen, dass die meisten Russen trotz ihrer West-Skepsis eine Nor­ma­li­sie­rung der Bezie­hun­gen einer lang­ge­zo­ge­nen Patt­si­tua­tion vorziehen.
  • Wie sich gerade deut­lich zeigt, sind poli­ti­sche Repres­sio­nen zur Nie­der­schla­gung öffent­li­chen Unmuts eine kost­spie­lige Ange­le­gen­heit. Es ist zwar nicht aus­ge­schlos­sen, dass auch Putins Nach­fol­ger diesen Weg ein­schla­gen, aber da sie nicht die ideo­lo­gi­sche Moti­va­tion von ira­ni­schen oder nord­ko­rea­ni­schen Herr­schern teilen (siehe oben), legt eine ein­fa­che Kosten-Nutzen-Rech­nung nahe, dass es sich lohnen könnte, einen sanf­te­ren Kurs ins Auge zu fassen.

All das zeigt, dass es für künf­tige auto­ri­täre Führer sehr schwer wird, den der­zei­ti­gen impe­ria­lis­ti­schen Iso­la­ti­ons­kurs fort­zu­füh­ren – die Kosten wären beträcht­lich, die Vor­teile einer poli­ti­schen Wende hin­ge­gen enorm. Um Putins Aggres­si­ons­kurs bei­zu­be­hal­ten, bräuchte man eine Gruppe ideo­lo­gi­scher Anfüh­rer, die sich mit Leib und Seele der Sache ver­schrie­ben haben – so wie die ira­ni­schen Aja­tol­lahs. Aber davon gibt es in der rus­si­schen Elite, wie gesagt, nicht viele, sie besteht größ­ten­teils aus reinen Oppor­tu­nis­ten, die ver­mut­lich gerne den Kurs ändern würden, aber zu viel Angst haben, sich Putins Zorn zuzu­zie­hen. Sie sind weder „Aja­tol­lahs“ noch mus­li­mi­sche Gelehrte und wurden auch nicht von nord­ko­rea­ni­schen Mar­xis­ten­pre­di­gern getauft. Daher ist ein Status quo als solcher ver­mut­lich die unwahr­schein­lichste Option.

Aller­dings kann man sicher davon aus­ge­hen, dass die herr­schende Elite ver­su­chen wird, die Kon­trolle über die Gesell­schaft zu behal­ten und ein Regime zu schaf­fen, das dem heu­ti­gen de facto gleicht, nur ohne dessen aggres­sivste poli­ti­sche Instru­mente. Ähn­li­che Ent­wick­lun­gen gab es in den zen­tral­asia­ti­schen Dik­ta­tu­ren wie Usbe­ki­stan und Kasach­stan, wo die Nach­fol­ger der Dik­ta­to­ren Islam Karimow und Nur­sul­tan Nas­ar­ba­jew deren gefes­tigte auto­ri­täre Herr­schaft bei­be­hal­ten haben. Mit Lip­pen­be­kennt­nis­sen zu „poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen“ wollen sie dem Westen und der eigenen Bevöl­ke­rung weis­ma­chen, dass „genug Wandel statt­ge­fun­den“ habe und die auto­ri­täre Herr­schaft bis auf ein paar kos­me­ti­sche Kor­rek­tu­ren bei­be­hal­ten werden sollte.

Die wich­tigste Frage ist, ob es einer auto­ri­tä­ren Post-Putin-Regie­rung gelingt, nach seinem Abgang dau­er­haft ein leicht ange­pass­tes Putin­sches System zu instal­lie­ren. Vor allem zwei Fak­to­ren spre­chen dagegen:

  • Zum einen herrscht in der Bevöl­ke­rung eine enorme Unzu­frie­den­heit mit dem System, wie viele Umfra­gen und das Wahl­ver­hal­ten zeigen. In den ver­gan­ge­nen 15 Jahren ist die all­ge­meine Unter­stüt­zung von Putins System und seiner Per­sön­lich­keit bestän­dig gesun­ken und erreicht immer neue Rekord­tiefs. Nur wag­hal­sige Aktio­nen wie die Krim-Anne­xion 2014 und der Krieg gegen die ganze Ukraine 2022 konnten seine Beliebt­heits­werte retten. Das rus­si­sche Volk ver­ab­scheut das aktu­elle System zutiefst und will Ver­än­de­run­gen. Es wird für eine Post-Putin-Nomen­kla­tura sehr schwer, die Ordnung ohne massive Repres­sio­nen auf­recht­zu­er­hal­ten. Poli­ti­ker, die für Wandel stehen, werden dagegen immer belieb­ter – wie etwa Sergej Furgal, der als Gou­ver­neur der Region Cha­ba­rowsk 2018–2020 das poli­ti­sche Monopol der Putin-Partei „Einiges Russ­land“ demon­tiert hat und dafür im rus­si­schen Fernen Osten viel Aner­ken­nung und Beifall erhielt.
  • Zum anderen wird es sehr schwer, die Stimmen ein­zu­däm­men, die nach radi­ka­len Sys­tem­ver­än­de­run­gen statt bloßer kos­me­ti­scher Kor­rek­tu­ren rufen, und zwar ohne tota­li­täre Repres­sio­nen. Die Oppo­si­tion genießt große Popu­la­ri­tät und ist kei­nes­falls „mar­gi­nal“. Als Pro­teste noch erlaubt waren, gab es mehr Kund­ge­bun­gen für Alexej Nawalny und Co. als Ver­an­stal­tun­gen der sys­te­mi­schen poli­ti­schen Kräfte. Wenn sie zur Wahl zuge­las­sen waren, haben Nawalny-Unter­stüt­zer und andere aus­sichts­rei­che Oppo­si­ti­ons­kan­di­da­ten gezeigt, dass sie mit Leich­tig­keit min­des­tens 20–30 Prozent der Wähler für sich gewin­nen können, und das oft weit über die Grenzen von Moskau hinaus. Ein Para­de­bei­spiel dafür ist die Auf­stel­lung des engen Nawalny-Ver­bün­de­ten Sergej Boiko zu den Bür­ger­meis­ter­wah­len von Nowo­si­birsk, der größten rus­si­schen Stadt östlich von Moskau, im Jahr 2019: Boiko wurde mit fast 20 Prozent der Stimmen Zweiter und kam beinahe in die Stich­wahl, schnitt also besser ab als die meisten Kan­di­da­ten der Sys­tem­par­teien. Selbst heute findet die For­de­rung nach radi­ka­lem demo­kra­ti­schen Wandel großen Zuspruch – so erreich­ten Nawal­nys Youtube-Kanäle 2022 in Russ­land mehr als 30 Mil­lio­nen Zuschauer. Diese poli­ti­schen Kräfte lassen es nicht zu, dass die poli­ti­sche Öffnung in kos­me­ti­scher Schön­fär­be­rei endet.

Aus diesen Gründen steht jede Post-Putin-Regie­rung unter mas­si­vem Druck, echten poli­ti­schen Wandel her­bei­zu­füh­ren, und muss sich ent­schei­den, ob sie ent­spre­chende For­de­run­gen mit bru­ta­ler Gewalt nie­der­schlägt oder ihnen nach­kommt, mög­li­cher­weise gegen den eigenen Willen (ein „Gor­bat­schow-Sze­na­rio“). Es bleibt abzu­war­ten, ob eine neue Regie­rung bereit ist, ihre Herr­schaft mit zügel­lo­ser Gewalt gegen die Zivil­ge­sell­schaft ein­zu­läu­ten, ohne über Putins Legi­ti­mie­rung zu ver­fü­gen, aber eins ist klar: Feh­lende Res­sour­cen und Legi­ti­mie­rung machen es sehr schwer, Bottom-Up-For­de­run­gen nach poli­ti­scher Öffnung ein­zu­däm­men, ohne extreme, brutale Gewalt ein­zu­set­zen. Ver­ges­sen wir nicht, dass sich Putins Macht­kon­so­li­die­rung vor dem Hin­ter­grund eines beträcht­li­chen Wirt­schafts­wachs­tums und der Anhäu­fung rie­si­ger Finanz­über­schüsse und Reser­ven vollzog – also mehr Zucker­brot als Peit­sche. Diese güns­tige Aus­gangs­po­si­tion wird einer neue Regie­rung gänz­lich fehlen.

Die zwei weitaus rea­lis­ti­sche­ren Sze­na­rien sind also:

  • „Kos­me­ti­sche” Öffnung, die gegen den Willen ihrer Urheber außer Kon­trolle gerät (Gor­bat­schow-Sze­na­rio);
  • Eini­gung mit den radi­ka­le­ren Oppo­si­ti­ons­kräf­ten über einen fried­li­chen Über­gang zur Demokratie.

Ein direk­ter Über­gang zur Demo­kra­tie gleich nach dem Ende von Putins Herr­schaft ist wegen der Träg­heit des Systems eher unwahr­schein­lich. Rea­lis­ti­scher scheint dagegen eine Ent­wick­lung wie in Rumä­nien, wo die alten Eliten nach Nicolae Ceaușes­cus Tod 1989 im Grunde noch bis zur rumä­ni­schen Par­la­ments­wahl 1996 an der Macht blieben, oder in Süd­ko­rea, wo nach dem Ende des Regimes von Chun Doo-hwan 1988 zunächst die herr­schende Gruppe die Kon­trolle behielt, in den frühen 1990er Jahren aber den voll­stän­di­gen Über­gang zur Demo­kra­tie vollzog.

Sze­na­rio 1: Radi­ka­li­sie­rung des Regimes

Manche halten es für einen span­nen­den Zeit­ver­treib zu behaup­ten, dass „wer auch immer nach Putin kommt, noch radi­ka­ler, aggres­si­ver und natio­na­lis­ti­scher wird“. Der­ar­tige Behaup­tun­gen bilden zu einem erheb­li­chen Maß die Grund­lage von Putins poli­ti­scher Stärke – viele halten ihm die Treue, weil sie Angst davor haben, was als nächs­tes kommt. Hier einige Über­le­gun­gen, warum eine Radi­ka­li­sie­rung des Regimes nach Putin ein unwahr­schein­li­ches Sze­na­rio ist.

Erstens aus his­to­ri­schen Gründen: Mit Aus­nahme von Putin haben rus­si­sche Poli­ti­ker nach dem 2. Welt­krieg in der Regel einen gemä­ßig­ten Kurs ver­folgt. Auf Stalins Tod folgte Chruscht­schows Tau­wet­ter, und selbst unter der schein­bar kon­ser­va­ti­ve­ren Herr­schaft Leonid Bre­sch­news wurden bahn­bre­chende Ver­träge – über Rüs­tungs­kon­trolle mit den USA und die Schluss­akte von Hel­sinki 1975 – unter­zeich­net. Bre­sch­news Ära der Sta­gna­tion (Sastoj) war weitaus weniger repres­siv als die 1950er und 1960er Jahre. Zwei Ver­su­che, eine neue Hard­line-Politik durch­zu­set­zen – die Andro­pow-Tscher­nenko-Phase von 1983–1984 und der Putsch­ver­such von KP-Hard­li­nern im August 1991 (beide Epi­so­den weisen Ähn­lich­keit mit Putins kon­ser­va­ti­ver Restau­ra­tion auf) schei­ter­ten, weil es offen­kun­dig an Res­sour­cen man­gelte, um eine repres­sive Politik aufrechtzuerhalten.

Der August-Putsch von 1991 ist in dieser Hin­sicht bemer­kens­wert. Er war ein­deu­tig ein Versuch, die Öff­nungs­ten­den­zen der Pere­stroika zu revi­die­ren und das Regime massiv zu radi­ka­li­sie­ren – genau so, wie sich viele Exper­ten ein mög­li­ches Post-Putin-Sze­na­rio vor­stel­len. Der Putsch­ver­such schei­terte kra­chend, vor allem weil die meisten Akteure – ein­schließ­lich eines Groß­teils der Elite – schlicht­weg nicht daran glaub­ten, dass das selbst­er­nannte „Staats­ko­mi­tee für den Aus­nah­me­zu­stand“ in tiefer inter­na­tio­na­ler Iso­la­tion die schwie­rige soziale und wirt­schaft­li­che Lage bewäl­ti­gen könne. Daher ver­wei­ger­ten sie ihm die Unter­stüt­zung (Nichts­tun ist oft eine sehr effek­tive Methode, um den Zusam­men­bruch eines Regimes zu beschleunigen).

Dass auf die poli­ti­sche Ver­schär­fung von 1983/​1984 Öffnung und Pere­stroika folgten, hatte ähn­li­che Gründe: Die KP-Chefs begrif­fen, dass sie schlicht nicht genug Res­sour­cen hatten, um eine harte Linie auf­recht­zu­er­hal­ten, während ein Kurs­wech­sel beträcht­li­che Vor­teile ver­sprach. Auch die Belas­tung durch den lang­wie­ri­gen Krieg in Afgha­ni­stan spielte eine Rolle, denn dadurch waren selbst Hard­li­ner wie Andro­pow gezwun­gen, nach Exit-Stra­te­gien zu suchen. Bereits auf Bre­sch­news Beer­di­gung 1982 bemühte sich der eben frisch gewählte KPdSU-Par­tei­se­kre­tär um Gesprä­che mit dem paki­sta­ni­schen Prä­si­den­ten Moham­med Zia-ul-Haq. Die 1985 ein­set­zende Öffnung unter Gor­bat­schow war keine spon­tane Ent­schei­dung, sondern schon länger in Füh­rungs­krei­sen aus­ge­brü­tet worden.

Auch wenn manche rus­si­schen Poli­ti­ker momen­tan eine impe­ria­lis­ti­sche Ein­stel­lung zu haben schei­nen, ver­ste­hen sie doch die Kosten-Nutzen-Analyse zwi­schen harter Linie und poli­ti­scher Öffnung. Die ratio­nale Ent­schei­dung ist klar, ein sanf­te­rer Kurs wird einzig und allein durch Putins per­sön­li­che Welt­sicht und seine Vor­ur­teile nach fast einem Vier­tel­jahr­hun­dert an der Macht ver­hin­dert. Die Besei­ti­gung dieses Hin­der­nis­ses ist ein wich­ti­ger Faktor für die poli­ti­sche Öffnung, nicht für weitere Radikalisierung.

Zwei­tens kommen aus der rus­si­schen Bevöl­ke­rung kaum For­de­run­gen nach Radi­ka­li­sie­rung. Par­teien mit ent­spre­chen­dem Pro­gramm haben in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten nie gut abge­schnit­ten. Selbst die alles beherr­schende Regie­rungs­par­tei „Einiges Russ­land“ prä­sen­tiert sich selbst als „gemä­ßigte“ Alter­na­tive zu anderen Par­teien. Die öffent­li­che Unter­stüt­zung für Wla­di­mir Putin hat immer auf der Vor­stel­lung beruht, damit die Macht­über­nahme radi­ka­le­rer Kräfte zu ver­hin­dern. Selbst in der aktu­el­len anti­west­li­chen Stim­mung spricht sich die Mehr­heit der rus­si­schen Bevöl­ke­rung eher für eine Nor­ma­li­sie­rung der Bezie­hun­gen zum Westen aus als für einen lang­wie­ri­gen Kon­flikt – und diese Mehr­heit ist seit Jahren stabil. Zwar befür­wor­ten die meisten Russen in Umfra­gen Putins Krieg (oder „Spe­zi­al­ope­ra­tion“, wie es im offi­zi­el­len Jargon heißt) gegen die Ukraine, doch dabei ver­wen­den 80 Prozent der „Befür­wor­ter“ defen­sive anstatt offen­si­ver Nar­ra­tive, um ihren Stand­punkt zu recht­fer­ti­gen: Ihrer Meinung nach hat ent­we­der die Ukraine einen Genozid gegen die rus­sisch­spra­chige Bevöl­ke­rung im Donbas verübt oder „der mög­li­che NATO-Bei­tritt der Ukraine stellt eine mili­tä­ri­sche Bedro­hung für Russ­land dar“. Keines dieser Nar­ra­tive trifft zu, doch die rus­si­sche Staats­pro­pa­ganda hat sie erfolg­reich etabliert.

Selbst jetzt, wo Groß­macht­ge­dan­ken in der rus­si­schen Gesell­schaft Hoch­kon­junk­tur haben, spielen offen impe­ria­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen wie Nikolai Sta­ri­kows Partei „Großes Vater­land“ oder Jewgeni Fjo­do­rows „Natio­nale Befrei­ungs­be­we­gung“ weder in Umfra­gen eine Rolle noch erhal­ten sie merk­li­chen Zulauf aus der Bevöl­ke­rung. Zu ihren Kund­ge­bun­gen kommen gerade mal ein paar hundert Anhän­ger, kein Ver­gleich zu den sechs­stel­li­gen Teil­neh­mer­zah­len bei den Oppo­si­ti­ons­pro­tes­ten der letzten Jahre. Der bekannte Ultra­na­tio­na­list Alex­an­der Dugin ver­sucht seit über 30 Jahren erfolg­los, eine Partei oder eine poli­ti­sche Bewe­gung auf­zu­bauen – zu seinen Ver­an­stal­tun­gen kommen höchs­tens 1000 bis 2000 Teil­neh­mer, wie man leicht auf Youtube nach­ver­fol­gen kann.

Drit­tens besteht Putins Elite, wie oben gezeigt, über­wie­gend aus Oppor­tu­nis­ten, und Hard­li­nern –„Aja­tol­lahs“ wie Sicher­heits­rats-Sekre­tär Patru­schew sind in der Minderheit.

Es spricht also weder aus his­to­ri­scher noch aus sozia­ler Sicht oder von Seiten der Eliten etwas dafür, dass Russ­land auf eine künf­tige Radi­ka­li­sie­rung zusteuert.

Russ­lands post­im­pe­ria­les Syndrom wird von Exper­ten stark über­schätzt und auf­ge­bläht. Natür­lich exis­tiert es, doch noch in den frühen 2000ern waren die Russen offen­bar zufrie­den mit ihrer Stel­lung in der Welt, die meisten sahen den Westen positiv und genos­sen ein noch nie dage­we­se­nes Wirt­schafts­wachs­tum und die Inte­gra­tion in die globale Gemein­schaft. Sicher gab es gewisse post­im­pe­riale Res­sen­ti­ments, aber doch in weit gerin­ge­rem Umfang als etwa im post­im­pe­ria­len Groß­bri­tan­nien oder Frank­reich. Bis zur Anne­xion der Krim 2014 war die Restau­ra­tion der frü­he­ren Welt­macht­stel­lung nie ein Thema in der großen Politik. Selbst der beschei­dene Erfolg der natio­na­lis­ti­schen Partei „Rodina“ (Vater­land) bei den Duma-Wahlen 2003, wo sie 9 Prozent der Stimmen erhielt, hing mehr mit der olig­ar­chen­feind­li­chen Sozi­al­agenda zusam­men als mit natio­na­lis­ti­schen Losun­gen. An den rechts­extre­men „Rus­si­schen Mär­schen”, die gewöhn­lich zum 4. Novem­ber statt­fan­den, nahmen viel weniger Men­schen teil an als an pro­de­mo­kra­ti­schen Demons­tra­tio­nen. Ganz zu schwei­gen davon, dass etwa die Hälfte aller rus­si­schen Natio­na­lis­ten Anti­im­pe­ria­lis­ten sind und viele von ihnen seit 2014 in der Ukraine gegen Russ­land kämpfen.

Die aktu­elle post­im­pe­riale Stim­mung ist in erster Linie auf 20 Jahre massive Pro­pa­ganda zurück­zu­füh­ren. Doch auch wenn viele Russen bereit­wil­lig die Nar­ra­tive aus dem Fern­se­hen über­neh­men, sind sie nicht bereit, bei der „Wie­der­her­stel­lung der Welt­macht“ mit­zu­hel­fen. Das zeigen die seit 2014 kläg­lich geschei­ter­ten Ver­su­che, eine über­zeu­gende Frei­wil­li­gen­ar­mee für den Kampf gegen die Ukraine auf­zu­stel­len; die rus­si­sche Teil­mo­bi­li­sie­rung, die Putin im Sep­tem­ber 2022 ver­kün­dete, war de facto nichts anderes als eine Kapi­tu­la­tion vor den ver­geb­li­chen Bemü­hun­gen, große Mengen von Frei­wil­li­gen zu rekrutieren.

Im Zusam­men­hang mit einer mög­li­chen künf­ti­gen Radi­ka­li­sie­rung Russ­lands ist oft die Rede von para­mi­li­tä­ri­schen Ein­hei­ten unter dem Kom­mando bru­ta­ler Kri­mi­nelle wie Jewgeni Pri­go­schin, dem Gründer der Söld­ner­truppe „Wagner“, oder dem tsche­tsche­ni­schen Repu­blik­chef Ramsan Kadyrow. Solche Leute haben jedoch keinen Ein­fluss im rus­si­schen Ent­schei­dungs­sys­tem. Zusam­men­ge­nom­men ver­fü­gen sie über bewaff­nete Ein­hei­ten von kaum mehr als 20.000 Mann, was nichts ist im Ver­gleich zum staat­li­chen Sicher­heits­ap­pa­rat und nicht annä­hernd für eine Macht­er­grei­fung ausreicht.

In der Regel ist das Ent­ste­hen solcher nicht­staat­li­cher ultra­kon­ser­va­ti­ver, para­mi­li­tä­ri­scher Ein­hei­ten – soge­nann­ter Schwar­zer Hun­dert­schaf­ten (Tscher­noso­tenzy) – ein Zeichen für einen ange­schla­ge­nen Staat. Die Zen­tral­re­gie­rung kann das Land nur noch mit Unter­stüt­zung nicht­staat­li­cher para­mi­li­tä­ri­scher Ein­hei­ten kon­trol­lie­ren, welche die eigene Bevöl­ke­rung sowie Fremde ter­ro­ri­sie­ren. Doch weder im frühen 20. Jahr­hun­dert noch in den späten 1980er Jahren konnten die rus­si­schen para­mi­li­tä­ri­schen Gruppen den Staat vor dem Zerfall bewah­ren. Der ultra­na­tio­na­lis­ti­schen Bewe­gung „Rus­si­sche Natio­nale Einheit“ (RNE) und ihrer Vor­läu­fer­or­ga­ni­sa­tion „Pamjat“ (Gedächt­nis) ist es nie gelun­gen, sich als aner­kannte poli­ti­sche Kraft zu eta­blie­ren. Russ­lands kon­ser­va­tive Restau­ra­tion unter Putin war eine von den Herr­schen­den ange­ord­nete Top-Down-Maß­nahme, keine Gras­wur­zel­be­we­gung von unten.

Das zeigt: Es gibt zwar im moder­nen poli­ti­schen Spek­trum Russ­lands durch­aus radi­kale Kräfte, aber es wäre für diese extrem schwer, 1) die Macht zu ergrei­fen, da sie nur über eine begrenzte Zahl von bewaff­ne­ten Truppen ver­fü­gen und ihnen die breite Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung fehlt; 2) Russ­land poli­tisch, gesell­schaft­lich oder wirt­schaft­lich zum Erfolg zu führen, denn sie hätten mit erheb­li­chem Gegen­wind zu kämpfen, während ihre Res­sour­cen zur Auf­recht­erhal­tung eines radi­ka­len Regimes äußerst begrenzt sind. Selbst wenn sie es schaf­fen sollten, sich zu rus­si­schen Herr­schern aus­zu­ru­fen, gingen sie in die­selbe Falle wie die August-Put­schis­ten – die rus­si­sche Gesell­schaft würde nicht an ihren Erfolg glauben und ihnen eine aktive Unter­stüt­zung versagen.

Sze­na­rio 2: Demo­kra­ti­scher Wandel

Die meisten Unter­su­chun­gen, die Russ­land das Poten­tial zu nach­hal­tig demo­kra­ti­schem Wandel abspre­chen, fußen auf fal­schen Annah­men und lassen grund­le­gende Gege­ben­hei­ten außer Acht.

Erstens wird oft auf das miss­glückte Demo­kra­tie­ex­pe­ri­ment der 1990er Jahre ver­wie­sen. Dabei ist es eine selt­same Annahme, dass ein Land nie wieder in der Lage sein wird, eine funk­tio­nie­rende Demo­kra­tie auf­zu­bauen, nur weil es beim ersten Versuch nicht gleich geklappt hat. Ein ein­zi­ger Versuch kann doch nicht die Grund­lage für derart fata­lis­ti­sche Schlüsse sein. Außer­dem war das rus­si­sche Demo­kra­tie­ex­pe­ri­ment der 1990er bei näherem Hin­se­hen gar nicht so erfolg­los, wie viele Kri­ti­ker meinen. Gemes­sen an his­to­ri­schen Stan­dards war es sogar ziem­lich erfolg­reich, denn Russ­land blieb 15 Jahre lang ein teil­weise freies Land (bis 2005 wurde es von der US-Orga­ni­sa­tion Freedom House als „teil­weise frei“ ein­ge­stuft). So eine lange Demo­kra­tie­phase hat die moderne rus­si­sche Geschichte noch nie erlebt. Die rus­si­sche Demo­kra­tie hat sich unter extrem schwie­ri­gen Bedin­gun­gen her­aus­ge­bil­det – der Zusam­men­bruch der sowje­ti­schen Wirt­schaft war mög­li­cher­weise das schlimmste Wirt­schafts­ver­sa­gen seit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung, und das wich­tigste rus­si­sche Export­gut, Erdöl, wurde während Boris Jelzins Prä­si­dent­schaft zum Preis von durch­schnitt­lich 16,70 US-Dollar pro Barrel gehandelt.

Die heutige Dik­ta­tur in Russ­land beruht nicht auf einer bewuss­ten Ent­schei­dung des rus­si­schen Volkes gegen Demo­kra­tie, sondern ist das Resul­tat einer schnel­len, koor­di­nier­ten Macht­er­grei­fung vor dem Hin­ter­grund des starken Wirt­schafts­wachs­tums in den frühen 2000ern. Die Russen haben sich einer Restau­ra­tion der Auto­kra­tie immer wider­setzt, und die Demo­kra­tie­be­we­gung war in den letzten Jahren, gemes­sen an ihrem Pro­test­po­ten­tial, deut­lich stärker als alle anderen poli­ti­schen Kräfte im Land. Die 1990er haben Frei­räume geschaf­fen, die Putin auch nach zwei Jahr­zehn­ten Repres­sio­nen nicht ganz zer­stö­ren konnte. Viele pro­de­mo­kra­ti­sche Poli­ti­ker, Intel­lek­tu­elle und ein­fa­che Bürger sind im Land geblie­ben, und ihre Zeit wird kommen. Ohne die 1990er wäre die Eta­blie­rung einer ernst­zu­neh­men­den Demo­kra­tie­be­we­gung in Putins Russ­land nicht möglich gewesen.

Es ist prin­zi­pi­ell falsch, auf­grund der Schwie­rig­kei­ten in den 1990ern und des dar­auf­hin auf­ge­zwun­ge­nen Auto­ri­ta­ris­mus deter­mi­nis­ti­sche Schlüsse über die rus­si­sche Gesell­schaft zu ziehen.

Zwei­tens strebt die rus­si­sche Gesell­schaft, his­to­risch gesehen, schon lange nach Demo­kra­tie, wurde aber immer wieder von bru­ta­len Dik­ta­tu­ren nie­der­ge­schla­gen und unter­drückt. Schon die letzten Jahr­zehnte der Zaren­herr­schaft waren geprägt von For­de­run­gen nach poli­ti­scher Libe­ra­li­sie­rung, nach einer Ver­fas­sung, die die Macht der Mon­ar­chie beschränkt, und nach einer par­la­men­ta­ri­schen Repu­blik (her­vor­ra­gend resü­miert von dem His­to­ri­ker Orlando Figes in seinem Buch „Die Tra­gö­die eines Volkes: Die Epoche der rus­si­schen Revo­lu­tion 1891 bis 1924“). Nach dem Sturz der Mon­ar­chie wählten die Russen voller Begeis­te­rung eine Kon­sti­tu­ie­rende Ver­samm­lung mit einer nicht-bol­sche­wis­ti­schen Mehr­heit. Doch die Bol­sche­wi­ken lösten die Ver­samm­lung gewalt­sam auf und grün­de­ten die Sowjet­union – auf Grund­lage der Erobe­run­gen der Roten Armee und nicht auf Basis freier Wil­lens­äu­ße­rung der Bevöl­ke­rung. Als das sowje­ti­sche System nach Stalins Tod all­mäh­lich gemä­ßig­ter wurde, kamen aus der Zivil­ge­sell­schaft klare For­de­run­gen nach demo­kra­ti­schem Wandel. Dieser begann mit Chruscht­schows Tau­wet­ter, ging über Gor­bat­schows Pere­stroika und endete damit, dass die Russen 1990–1991 mehr­heit­lich für pro­de­mo­kra­ti­sche Kräfte stimm­ten und Ende 1991 die fried­li­che Auf­lö­sung der Sowjet­union ohne größere Pro­teste akzeptierten.

Drit­tens sind, aus heu­ti­ger Per­spek­tive, ernst­ge­meinte For­de­run­gen nach Demo­kra­tie aus der rus­si­schen Gesell­schaft nie ver­schwun­den. Auch wenn eine Mehr­heit der Rus­sin­nen und Russen im Moment angibt, das west­li­che Demo­kra­tie­mo­dell nicht als Vorbild für ihr eigenes Land zu sehen (Achtung: 20 Jahre Pro­pa­ganda könnten etwas damit zu tun haben), gibt es starke Anzei­chen dafür, dass sich eine Mehr­heit ein viel demo­kra­ti­sche­res Regie­rungs­sys­tem als das von Putin wün­schen. Seit Putin vor 18 Jahren die Direkt­wahl von Gou­ver­neu­ren in den Regio­nen abge­schafft hat, befür­wor­ten etwa zwei Drittel der Befrag­ten kon­se­quent die Wie­der­ein­füh­rung solcher Direkt­wah­len auf allen regio­na­len Ebenen (auch für Bür­ger­meis­ter und Land­räte) ohne die berüch­tig­ten admi­nis­tra­ti­ven „Filter“, mit denen kri­ti­sche Kan­di­da­ten aus­ge­schlos­sen werden. Das steht in ein­deu­ti­gem Wider­spruch zu den Grund­la­gen von Putins Regierungssystem.

Immer, wenn es in Russ­land auf lokaler Ebene zu einem echten poli­ti­schen Wett­kampf mit unvor­her­seh­ba­rem Ausgang kommt, schießt die Wahl­be­tei­li­gung nach oben. Das zeigt, wie stark das Bedürf­nis nach poli­ti­schem Wett­be­werb ist. Gibt es wenig oder gar keinen Wett­be­werb, sinkt die Betei­li­gung dagegen auf Rekord­tiefs. Das weist darauf hin, dass die Russen das poli­ti­sche System Putins nicht gutheißen.

2020 kam es überall in der fern­öst­li­chen Region Cha­ba­rowsk zu Groß­de­mons­tra­tio­nen gegen die Ent­las­sung und Ver­haf­tung des kürz­lich zum Gou­ver­neur gewähl­ten Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kers Sergej Furgal. Dieser hatte schon oft zur Wahl gestan­den, ohne deshalb zum Lokal­hel­den zu werden, doch diesmal hatten die Cha­ba­row­s­ker für ihn gestimmt, um die Vor­macht­stel­lung der Putin-Partei „Einiges Russ­land“ in der Region zu brechen. Bemer­kens­wert ist, dass es bei den Mas­sen­pro­tes­ten in Cha­ba­rowsk kei­ner­lei impe­riale oder anti­west­li­che Losun­gen gab, wohl aber beträcht­li­che Unter­stüt­zung für die gleich­zei­tig statt­fin­den­den Pro­teste in Belarus und sogar für die Ukraine – so viel zum „hoff­nungs­lo­sen russ­land­wei­ten Imperialismus“.

Trotz Gehirn­wä­sche und Repres­sion haben die Men­schen ihre demo­kra­ti­schen Grund­in­stinkte nicht verloren. 

Ver­schie­dene Umfra­gen zeigen, dass Rus­sin­nen und Russen höchst unzu­frie­den damit sind, dass sie bei poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen nicht mit­re­den können und dass sie sich nach einem Rechts­staat sehnen, etwas, das von Putin völlig zer­stört wurde. Mit anderen Worten, sie wollen Demokratie.

Die weit ver­brei­te­ten regio­na­len Pro­teste der letzten Jahre – oft zu Umwelt­the­men – haben gezeigt, dass Rus­sin­nen und Russen sehr wohl in der Lage sind, sich selbst zu orga­ni­sie­ren und ihre Rechte trotz mas­si­vem staat­li­chen Druck zu ver­tei­di­gen. Trotz Gehirn­wä­sche und Repres­sion haben die Men­schen ihre demo­kra­ti­schen Grund­in­stinkte nicht verloren.

Es gibt in Russ­land keine nen­nens­wer­ten poli­ti­schen Kräfte, die für eine Abschaf­fung der Demo­kra­tie ein­tre­ten. Die wenigen, die dies tun – wie Sta­ri­kows „Vater­land“ oder Fjo­do­rows „Befrei­ungs­be­we­gung“ – tauchen in Umfra­gen nicht auf, und zu ihren Kund­ge­bun­gen kommen, wie gesagt, höchs­tens ein paar hundert Leute. Der Kreml gibt sich große Mühe, die Fassade „inklu­si­ver Demo­kra­tie“ auf allen Ebenen auf­recht­zu­er­hal­ten. Die herr­schende Partei „Einiges Russ­land“ hält eigens (absolut sinn­lose) Vor­wah­len ab, nur damit ihre Wähler das Gefühl haben, dass nicht schon jemand anders für sie ent­schie­den hat. Die Kom­mu­nis­ten, die offen mit dem tota­li­tä­ren sowje­ti­schen System sym­pa­thi­sie­ren und oft mit Stalin-Por­träts durch die Gegend laufen, zählen zu den eif­rigs­ten Teil­neh­mern an Kam­pa­gnen und Kund­ge­bun­gen für freie und faire Wahlen und gegen Wahl­be­trug. Nach den Pro­tes­ten von 2011–2012 wurden 2012 die Direkt­wah­len der Gebiets­gou­ver­neure wieder ein­ge­führt und hart­nä­cki­gen Gerüch­ten zum Trotz auch nicht mehr formal gestri­chen. Das Putin­sche System scheint die Reste der demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen nicht völlig demon­tie­ren zu können – denn Putin ist sich im Klaren darüber, dass die Zivil­ge­sell­schaft das nicht gut­hei­ßen würde. Die Men­schen wollen mit­re­den, und sie sind weder „Sklaven“ noch „Leib­ei­gene“, wie es manche Hard­li­ner im Westen gerne darstellen.

Von demo­kra­ti­schen Grund­in­stink­ten bis zum Aufbau einer funk­tio­nie­ren­den Demo­kra­tie ist es natür­lich noch ein langer Weg – beson­ders, wenn man Russ­lands begrenzte Erfah­rung mit demo­kra­ti­schen Regie­run­gen, seine räu­be­ri­schen Eliten und das schwere Erbe meh­re­rer auf­ein­an­der­fol­gen­der Unter­drü­cker­re­gime bedenkt. Aber das Mate­rial, auf dem man auf­bauen kann – ein ele­men­ta­res Bedürf­nis nach Demo­kra­tie und eine klare Absage an die Usur­pa­tion der Macht – ist vor­han­den. Ins­ge­samt befür­wor­tet die über­wie­gende Mehr­heit der zukunfts­ori­en­tier­ten Russen – also alle, die ein Geschäft eröff­nen, Kar­riere machen, bessere Bildung erhal­ten oder den Lebens­stan­dard ihrer Familie und Kinder stei­gern wollen – eine demo­kra­ti­sche Regie­rungs­form. Die­je­ni­gen, die der Zen­tral­re­gie­rung gegen­über gleich­gül­tig oder sogar zufrie­den mit ihr sind, sind poli­tisch eher passiv. Sie treiben mit dem Strom der Herr­schen­den und neigen nicht zu unab­hän­gi­gem Ver­hal­ten. Hier kann die Posi­tion einer aktiven Min­der­heit erfolgs­ent­schei­dend sein – wie schon oft in anderen Ländern zu sehen war.

Wie die jüngere Ver­gan­gen­heit gezeigt hat, können ein dys­funk­tio­na­ler Staat und wirt­schaft­li­che Pro­bleme eine Chance für poli­ti­schen Wandel eröff­nen. So war es in den 1980er Jahren in Russ­land, und auch die 1990er sind ein Bei­spiel dafür, wie ein schwa­cher Staat die For­de­rung nach umfas­sen­der Umstruk­tu­rie­rung des poli­ti­schen Systems her­bei­füh­ren kann – auch wenn Putin die all­ge­meine Unzu­frie­den­heit mit den 1990er Jahren aus­ge­nutzt hat, um seine auto­ri­täre Herr­schaft zu stärken, ein Über­griff, den die rus­si­sche Öffent­lich­keit so nie gewollt hat. Doch zum zweiten Mal in den ver­gan­ge­nen 40 Jahren hat ein innen­po­li­ti­scher Aufruhr in Russ­land den grund­le­gen­den Wandel des poli­ti­schen Systems bewirkt.

So unwahr­schein­lich es aktuell auch schei­nen mag: Jede Macht­ver­schie­bung in den oberen Macht­zir­keln würde augen­blick­lich ein neues demo­kra­ti­sches Expe­ri­ment in der Gesell­schaft ermög­li­chen. Natür­lich gibt es keine Garan­tie auf Erfolg; und wie oben dar­ge­legt, wird die herr­schende Elite demo­kra­ti­schen Wandel so lange es geht zu ver­hin­dern suchen. Dennoch können ver­schie­dene Fak­to­ren das nächste Demo­kra­tie­ex­pe­ri­ment zum Erfolg führen:

  • Ins­be­son­dere aus dem aktiven, zukunfts­ori­en­tier­ten Teil der Gesell­schaft werden starke For­de­run­gen nach Demo­kra­tie (und Ver­söh­nung mit dem Westen) laut.
  • Die Ein­däm­mung gesell­schaft­li­cher Demo­kra­tie­be­stre­bun­gen durch Iso­la­tion und Repres­sion erfor­dert beträcht­li­che Ressourcen.
  • Die umfas­sen­den Erfah­run­gen aus dem Demo­kra­tie­ex­pe­ri­ment der 1990er lassen sich ein­set­zen, um Miss­stände zu beheben und keine wei­te­ren fatalen Fehler zu begehen.

Wie gesagt, es gibt keine Garan­tie auf Erfolg, aber es gibt eine klare Grund­lage für einen neuen Demo­kra­tie­ver­such in Russ­land. Bleibt das Land hin­ge­gen iso­liert und der Chance beraubt, sich in die demo­kra­ti­sche Welt zu reinte­grie­ren, ist damit zu rechnen, dass sich Russ­land neu auf­stellt, seine Truppen auf­stockt und zu einem wei­te­ren Schlag gegen die freie Welt ausholt.

Der demo­kra­ti­sche Wandel in Russ­land wird, wie oben beschrie­ben, höchst­wahr­schein­lich in zwei Phasen erfol­gen, wie in Rumä­nien nach Ceaușescu oder Süd­ko­rea nach Chun Doo-hwan: Erst ver­sucht die Post-Putin-Elite, die Kon­trolle zu behal­ten, aber mit der Zeit bildet sich eine größere Demo­kra­tie­be­we­gung, die von der neuen Regie­rung nicht mehr zurück­ge­hal­ten werden kann.

Warum Zer­falls-Sze­na­rien haltlos sind

Es gibt viel Spe­ku­la­tion über einen mög­li­chen Zerfall Russ­lands in eine Reihe unab­hän­gi­ger klei­ne­rer Staaten, so ähnlich, wie es mit der Sowjet­union geschah. Derlei Thesen sind jedoch aus ver­schie­de­nen Gründen meist haltlos.

Erstens unter­schei­det sich die Situa­tion am Ende der Sowjet­union grund­le­gend vom heu­ti­gen Russ­land. Die natio­na­len Sowjet­re­pu­bli­ken, deren For­de­run­gen nach Unab­hän­gig­keit zum Kata­ly­sa­tor für den Zerfall wurden, waren von nicht­rus­si­schen Ethnien domi­niert. Einige von ihnen waren in der Ver­gan­gen­heit bereits unab­hän­gige Staaten gewesen (die bal­ti­schen Staaten und Geor­gien) und wollten schlicht ihre Sou­ve­rä­ni­tät wie­der­her­stel­len. Ganz anders in Russ­land, wo seit dem Fall des Khanats von Kasan 1552 keine Region eigen­stän­dig war und die Grün­dung eines Staats eine große Her­aus­for­de­rung bedeu­ten würde.

Die meisten eth­ni­schen Repu­bli­ken in Russ­land werden nur dem Namen nach von der Titu­la­r­eth­nie domi­niert. In Bur­ja­tien bei­spiels­weise sind weniger als 30 Prozent der Bevöl­ke­rung eth­ni­sche Bur­ja­ten – die größte Bevöl­ke­rungs­gruppe stellen Russen. In Jaku­tien leben weniger als 50 Prozent Jakuten, während Russen 40 Prozent aus­ma­chen. In Basch­kor­to­stan haben eth­ni­sche Basch­ki­ren erst kürz­lich die Tataren leicht über­holt und sind von der dritt­größ­ten zur zweit­größ­ten eth­ni­schen Gruppe auf­ge­stie­gen, mit etwas weniger als 30 Prozent der Bevöl­ke­rung (auch hier bleiben Russen mit 36 Prozent die größte eth­ni­sche Gruppe). In der basch­ki­ri­schen Haupt­stadt Ufa sind etwa die Hälfte der Men­schen eth­ni­sche Russen, Basch­ki­ren machen nur 17 Prozent aus.

Die Situa­tion ist also eine ganz andere als zur Zeit der Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der Sowjet­re­pu­bli­ken in den späten 1980ern.

Bei der Dis­kus­sion über die Ent­ste­hung unab­hän­gi­ger Staaten aus rus­si­schen Regio­nen wird oft Tatar­stan als poten­ti­el­ler Kan­di­dat genannt. In der Tat hat diese Region in den frühen 1990ern mit der Idee gespielt, einen eigenen Staat zu gründen. Doch wenn man heute nach Tatar­stan reist, sieht man, dass die Repu­blik es geschafft hat, sich unter rus­si­scher Herr­schaft ein erheb­li­ches Maß an Auto­no­mie und Selbst­be­stim­mung zu sichern – von einer eigen­stän­di­gen Wirt­schafts­po­li­tik bis hin zu weit­ge­hend auto­no­men Außen­be­zie­hun­gen. Der Lebens­stan­dard in Tatar­stan ist wesent­lich höher als in den von eth­ni­schen Russen domi­nier­ten Nach­bar­re­gio­nen. Es gibt für Tatar­stan einfach keinen Grund, um ver­zwei­felt die Unab­hän­gig­keit anzu­stre­ben – die Repu­blik hat es auch so geschafft, mit Russ­land Bezie­hun­gen auf Ver­trags­ba­sis ein­zu­rich­ten, die ihr ein erheb­li­ches Maß an Auto­no­mie gewäh­ren. Sollte sich Tatar­stan jedoch von Russ­land los­sa­gen wollen, bekäme es augen­blick­lich Pro­bleme, seine Unab­hän­gig­keit zu wahren, schließ­lich ist es ein Bin­nen­staat, der von dem um ein Viel­fa­ches grö­ße­ren Russ­land umgeben ist und in Transit- und Logis­tik­fra­gen völlig von diesem abhängt.

Dieses Schlüs­sel­ar­gu­ment wird bei Spe­ku­la­tio­nen über einen mög­li­chen Zerfall Russ­lands häufig über­se­hen. Die meisten rus­si­schen Regio­nen liegen im Bin­nen­land und haben keinen Zugang zum Meer (bezie­hungs­weise zu erschlos­se­nen inter­na­tio­na­len Schiffs­rou­ten – der Ark­ti­sche Ozean ist zwar tech­nisch betrach­tet ein Meer, aber nur mit großen Schwie­rig­kei­ten zu befah­ren, es gibt kaum wich­tige Häfen oder Trans­port­rou­ten). Das stellt ein enormes Hin­der­nis für die Auf­recht­erhal­tung einer eigen­stän­di­gen Wirt­schaft dar. Wenn Russ­land teil­weise bestehen bleibt, wird es den neuen unab­hän­gi­gen Staaten Logis­tik und Transit sehr schwer machen.

Bräche Russ­land ohne den Abschluss von Frei­han­dels- oder Tran­sit­ver­trä­gen ganz aus­ein­an­der, könnte sich die Lage zu einem völlig chao­ti­schen Pro­tek­tio­nis­mus aus­wach­sen. Noch dazu sind die Grenzen zwi­schen rus­si­schen Regio­nen künst­lich gezogen und (anders als die Grenzen der frü­he­ren Sowjet­re­pu­bli­ken) nicht inter­na­tio­nal aner­kannt, was wei­te­res poli­ti­sches Chaos sowie Streit darüber erzeu­gen kann, welches Dorf nun wem gehört. An zahl­lo­sen Orten führen lebens­wich­tige Trans­port- oder Infra­struk­tur­kor­ri­dore zwi­schen den Städten/​Dörfern einer Region durch eine andere Region; ganz zu schwei­gen von der Ener­gie­infra­struk­tur, denn manche Kraft­werke ver­sor­gen mehrere Regio­nen, die keinen eigenen Strom erzeugen.

Genau genom­men gibt es sowohl im Westen als auch in Russ­land über­ra­schend wenig ein­ge­hende Unter­su­chun­gen dazu, wie wahr­schein­lich es ist, dass sich Russ­land in unab­hän­gige Staaten auf­teilt. Die meisten gehen über leere Spe­ku­la­tion und seichte Ver­glei­che mit dem Zerfall der Sowjet­union nicht hinaus. Übri­gens begrün­det sich die halt­lose Kreml-Mytho­lo­gie von Putins „ein­zig­ar­ti­ger Rolle in der rus­si­schen Geschichte“ auf genau solchen seich­ten Spe­ku­la­tio­nen darüber, wie „Russ­land in den späten 1990ern vor dem Zusam­men­bruch bewahrt wurde“.

Eine der wenigen sach­li­chen Aus­nah­men ist der Aufsatz „The pro­s­pect of Russian dis­in­te­gra­tion is low“, den der US-ame­ri­ka­ni­sche Experte Thomas Graham 1999 in „Euro­pean Secu­rity“ ver­öf­fent­licht hat. Der Titel spricht für sich: Wie Graham unter anderem rich­ti­ger­weise anführt, stellt die Bin­nen­lage der meisten rus­si­schen Regio­nen und ihr feh­len­der Zugang zum Meer das größte Hin­der­nis für eine dau­er­hafte Unab­hän­gig­keit dar. Er kommt zu dem Schluss, dass auch in Zukunft für die meisten rus­si­schen Regio­nen kaum eine Sepa­ra­ti­ons­ge­fahr besteht, mög­li­cher­weise mit Aus­nahme des Nord­kau­ka­sus und des Gebiets Kali­nin­grad (das frühere Königsberg).

Doch selbst, wenn das pas­sie­ren sollte, umfas­sen der Nord­kau­ka­sus und Kali­nin­grad nur etwa ein Prozent des rus­si­schen Ter­ri­to­ri­ums, ihre Abspal­tung würde also schwer­lich den „Zusam­men­bruch und Zerfall“ des Landes bedeuten.

Apropos Nord­kau­kau­sus: Wer mit dem bloßen Verweis auf die Tsche­tsche­nien-Erfah­rung der 1990er Jahre all­ge­meine Schlüsse über die mög­li­che Abspal­tung nord­kau­ka­si­scher Repu­bli­ken von Russ­land zieht, über­treibt. Die übrigen nord­kau­ka­si­schen Repu­bli­ken haben stets eine andere Ein­stel­lung gegen­über Russ­land gezeigt als Tsche­tsche­nien. Das ist ein eigenes Thema, aber gene­rell lässt sich sagen, dass die Ein­woh­ner dieser Repu­bli­ken schon immer die treu­es­ten Befür­wor­ter der Zen­tral­macht waren, weil sie nicht glauben, die eigene Unab­hän­gig­keit ohne wirt­schaft­li­che Unter­stüt­zung aus Moskau auf­recht­erhal­ten zu können. Sowohl im Refe­ren­dum über den Fort­be­stand der Sowjet­union im März 1991 als auch in meh­re­ren spä­te­ren Wahlen haben die nord­kau­ka­si­schen Repu­bli­ken vor­wie­gend ihre Soli­da­ri­tät mit der Zen­tral­re­gie­rung in Moskau demons­triert (Tsche­tsche­nien hat als einzige Repu­blik der Region nicht a dem Refe­ren­dum von 1991 teilgenommen).

Viele nord­kau­ka­si­sche Repu­bli­ken haben ihre eigenen Gründe, um lieber ein Teil von Russ­land zu bleiben: Ingu­sche­tien hat Angst, von Tsche­tsche­nien geschluckt zu werden; Nord­os­se­tien ist eigent­lich eine vor­wie­gend christ­li­che, keine mus­li­mi­sche Repu­blik; in Dage­stan, Karat­schai-Tscher­kes­sien und Kabar­dino-Bal­ka­rien gibt es auf­grund der kom­ple­xen eth­ni­schen Zusam­men­set­zung Span­nun­gen, die sich zu gra­vie­ren­den Kon­flik­ten und Kriegen aus­wach­sen könnten, wenn das mul­ti­eth­ni­sche Gleich­ge­wicht nicht mehr von Russ­land zusam­men­ge­kit­tet wird.

Ver­su­che, die tsche­tsche­ni­schen Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der 1990er Jahre auf den gesam­ten rus­si­schen Nord­kau­ka­sus zu über­tra­gen, sind über­zo­gen und igno­rie­ren den realen Kontext. Trotz aller kul­tu­rel­len Unter­schiede zum rest­li­chen Russ­land gibt es in diesen Repu­bli­ken keine ernst­zu­neh­men­den Sepa­ra­tis­ten­be­we­gun­gen. Selbst in Tsche­tsche­nien war die Sache nicht so einfach: Dort gab es zunächst beträcht­li­chen Wider­stand gegen die Unab­hän­gig­keit, bis Sepa­ra­tis­ten­füh­rer Dschochar Dudajew seine Gegner im Juni 1993 gewalt­sam nie­der­schla­gen ließ. Viele Tsche­tsche­nen sind klar gegen erneute Ver­su­che, die Repu­blik in eine Scharia-Dik­ta­tur umzu­wan­deln (aber das ist ein Thema für sich).

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Faktor ist, wie der Autor in Inter­views mit den Bewoh­nern ver­schie­de­ner rus­si­scher Regio­nen selbst fest­stel­len konnte, dass viele Men­schen in Sibi­rien und im Fernen Osten Russ­lands der Aus­sicht, unab­hän­gige Staaten zu werden, mit großer Sorge ent­ge­gen­bli­cken. Sie glauben, dass ihre poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Macht nicht aus­reicht, um der Domi­nanz Chinas etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, und dass sie über kurz oder lang zu Pekings Vasal­len würden. Damit diese Schre­ckens­vi­sion nicht wahr wird, ist ein Ver­bleib bei Russ­land für sie die einzige Option. Vor diesem Hin­ter­grund erscheint jede Spe­ku­la­tion über eine Los­sa­gung der öst­li­chen Regio­nen von Russ­land völlig unplausibel.

Unter den Ange­hö­ri­gen der nicht­rus­si­schen Ethnien gibt es derzeit Ten­den­zen, sich öffent­lich gegen den Krieg in der Ukraine zu äußern und für mehr Selbst­be­stim­mung und Auto­no­mie ein­zu­tre­ten. Diese Ten­den­zen sind im Hin­blick auf das künf­tige Ziel wirk­li­cher Föde­ra­li­sie­rung positiv. Doch keine der ein­fluss­rei­chen eth­ni­schen Gruppen und NGOs reden ernst­haft von mehr als Föde­ra­li­sie­rung, mehr Auto­no­mie und mehr Selbst­be­stim­mung, mit Aus­nahme Ein­zel­ner, die aber nicht reprä­sen­ta­tiv sind.

Weder Zerfall, noch Radi­ka­li­sie­rung, noch Demo­kra­ti­sie­rung sind wahrscheinlich

Fazit: Extreme Sze­na­rien wie eine Radi­ka­li­sie­rung des Post-Putin-Regimes, die dau­er­hafte Ein­rich­tung eines neuen Hard­line-Regimes durch Putins Nach­fol­ger oder der Zerfall Russ­lands sind höchst unwahr­schein­lich, denn es gibt einfach nicht genü­gend poli­ti­sche Res­sour­cen und Rück­halt in der Bevöl­ke­rung, um sie trag­fä­hig zu gestalten.

Eine rasche, erfolg­rei­che Demo­kra­ti­sie­rung des Landes ist jedoch ebenso unrea­lis­tisch. Die neuen Eliten werden die Macht genau wie Putin im zen­tral­asia­ti­schen Stil fest in der Hand halten wollen, während die rus­si­sche Zivil­ge­sell­schaft zu schwach und ein­ge­schüch­tert ist, um zu pro­tes­tie­ren (oder über­haupt zu wissen, was sie eigent­lich selbst will). Aber die Eliten werden es schwer haben und nicht über aus­rei­chend Res­sour­cen ver­fü­gen, um Putins aktu­el­len Kurs auf­recht­zu­er­hal­ten, was schließ­lich zu ihrer eigenen Zer­mür­bung führt. Sobald sie poli­ti­sche Kehrt­wen­den machen, sind mit Sicher­heit Unmut in der Bevöl­ke­rung und For­de­run­gen nach tief­grei­fen­de­rem poli­ti­schem Wandel zu erwarten.

Die Situa­tion ist vor allem mit der in Rumä­nien nach dem Ende der Ceaușescu-Dik­ta­tur und in Süd­ko­rea nach dem Chun-Regime ver­gleich­bar. Der Iran und Nord­ko­rea, die in diesem Zusam­men­hang oft genannt werden, eignen sich aus zwei Gründen weniger für einen Vergleich:

  • Das ira­ni­sche und das nord­ko­rea­ni­sche Regime sind in einem Ausmaß repres­siv, wie es Russ­land seit der Stalin-Zeit nicht mehr erlebt hat. Tat­säch­lich wurde Nord­ko­rea 1945 von Stalins Gene­rä­len gegrün­det und ist der einzige Dino­sau­rier aus dem sta­li­nis­ti­schen Juras­sic Park, der bis in die moderne Welt über­lebt hat. Russ­land ist damit nicht zu ver­glei­chen. Das ira­ni­sche Regime kämpft gegen stän­dige Mas­sen­pro­teste, die von Jahr zu Jahr schwe­rer in Schach zu halten sind. Je mehr die Macht des ira­ni­schen Haupt­un­ter­stüt­zers Russ­land schwin­det, umso schwe­rer wird es, das Regime auf­recht­zu­er­hal­ten – die ira­ni­sche Geschichte ist also noch nicht zu Ende.
  • Iran und Nord­ko­rea waren schon immer relativ arme Länder und nie von einem derart mas­si­ven wirt­schaft­li­chen Rück­gang betrof­fen, wie ihn Russ­land jetzt durch die Sank­tio­nen und den Rückzug west­li­cher Unter­neh­men erlebt. Ein tref­fen­de­res inter­na­tio­na­les Bei­spiel für einen des­po­tisch geführ­ten Staat, der unter dem Druck von Sank­tio­nen zusam­men­ge­bro­chen ist, wäre das Apart­heid-Regime von Süd­afrika. Dort wirkten sich die Sank­tio­nen zwar wirt­schaft­lich nicht so stark aus wie die aktu­el­len Maß­nah­men gegen Russ­land, doch die inter­na­tio­nale Iso­la­tion hatte einen starken nega­ti­ven psy­cho­lo­gi­schen Ein­fluss auf die weiße Bevöl­ke­rungs­min­der­heit und trug zu einer Beschleu­ni­gung des Wandels bei (vgl. „Sanc­tions on South Africa: What Did They Do?“ von Philip I. Levy, Yale Uni­ver­sity 1999).

Das wohl wahr­schein­lichste Sze­na­rio für Russ­lands Ent­wick­lung ist ein neuer Anlauf zu demo­kra­ti­schem Wandel nach einigen Jahren in einem auto­ri­tä­ren post-Putin­schen Über­gangs­zu­stand. Der demo­kra­ti­sche Westen muss aus seinen frü­he­ren Fehlern lernen und Russ­lands nächste Schritte hin zu einer Demo­kra­tie unter­stüt­zen, statt das Land zu brüs­kie­ren. Igno­ranz und Iso­la­tion stärken ledig­lich extre­mis­ti­sche Kräfte mit Groß­macht­ge­dan­ken und ent­mu­ti­gen alle, die sich für einen demo­kra­ti­schen Über­gang ein­set­zen – was wie­derum dazu führt, dass Russ­land eine fins­tere impe­ria­lis­ti­sche Macht bleibt. Das kann sich die freie Welt schlicht­weg nicht leisten.

Textende

Dieses Paper ist im Rahmen des vom Aus­wär­ti­gen Amt geför­der­ten Pro­jekts „Russ­land und der Westen“: Euro­päi­sche Nach­kriegs­ord­nung und die Zukunft der Bezie­hun­gen zu Russ­land“ erschie­nen. Sein Inhalt gibt die per­sön­li­che Meinung des Autors wieder.

Deut­sche Über­set­zung von Hanne Wiesner

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