Putins Krieg ist auch der Kreuz­zug von Kyrill I.

Die EU-Kom­mis­sion hat auf Druck Ungarns den rus­si­schen Patri­ar­chen Kyrill I. von seiner Sak­ti­ons­liste gestri­chen. Das zeugt nicht nur von ver­hee­ren­der Schwä­che gegen­über Viktor Orbans Regime. Es belegt zudem eine fatale Unter­schät­zung der Rolle der rus­sisch-ortho­do­xen Kirche im Macht­ge­füge Russ­lands und beim Ver­nich­tungs­feld­zug gegen die Ukraine, schreibt Armin Hut­ten­lo­cher. Sein Essay ana­ly­siert die beson­dere Ver­flech­tung von welt­li­cher und reli­giö­ser Macht in Russland.

Teil 1: His­to­ri­sche Ver­flech­tun­gen. Aktu­elle Abhängigkeiten

Es ist nicht ein Krieg, den Wla­di­mir Putin seit dem 24. Februar 2022 auf dem Gebiet der Ukraine führt. Es sind min­des­tens vier. Gegen unter­schied­li­che Feinde, genauer gesagt: feind­li­che Schi­mä­ren, die in Putins Welt­sicht untrenn­bar ver­bun­den und inein­an­der ver­floch­ten sind. Aber, wie dieser Essay zeigt, nicht nur in seiner.

Portrait von Armin Huttenlocher

Armin Hut­ten­lo­cher ist Poli­tik­be­ra­ter mit Schwer­punkt auf Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung und Kon­flikt­ma­nage­ment. Er ist Mit­ge­sell­schaf­ter des Zentrum Libe­rale Moderne.

Vier Kriege für eine Vernichtung

Ein poli­ti­scher Krieg: Gegen die Ukraine als einer freien Nation und einem sou­ve­rä­nen Staat, die sich seit den Ereig­nis­sen um den „Euro­mai­dan“, Ende 2013 /​ Anfang 2014 end­gül­tig von Moskau ab- und dem Westen zuge­wandt hatte.

Ein Krieg gegen die Ver­wirk­li­chung eines libe­ra­len, demo­kra­ti­schen Gesell­schafts­mo­dells; statt­des­sen für ein revi­sio­nis­ti­sches, illi­be­ra­les und auto­ri­tä­res Füh­rungs­mo­dell wie Putin es in Russ­land auf­ge­baut hat und immer weiter zemen­tiert. „Ego­is­ti­sches Frei­heits­stre­ben“, „falsch ver­stan­de­ner Indi­vi­dua­lis­mus“„Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus“, „Pseu­do­werte, die zu Degra­die­rung und Ent­ar­tung führen, da sie gegen die mensch­li­che Natur gerich­tet sind und zu einer Abkehr von den Werten eines echten Natio­na­lis­ten führen“, mit einem Wort: „Deka­denz“, lautet die Dia­gnose, dar­ge­legt in seiner Anspra­che an die rus­si­sche Nation, mit der er im Februar 2022 seinen Befehl zum Ein­marsch rus­si­scher Truppen in die Ukraine begründete.

Ein Krieg auch, um ein angeb­lich ent­glit­te­nes Geschichts­bild und ein daraus abge­lei­te­tes, fal­sches Selbst­ver­ständ­nis, irr­tüm­lich auch „ukrai­ni­sche Iden­ti­tät“ genannt, zu „kor­ri­gie­ren“: Eine Wie­der­ein­glie­de­rung der Ukraine in die Rus­si­sche Föde­ra­tion, genauer gesagt: in das von Putin ange­strebte „Groß­rus­si­sche Reich“  sei dabei nicht zuerst aus geo­po­li­ti­schen, sondern vor allem aus kul­tur­his­to­ri­schen Gründen anzu­stre­ben. Im geklit­ter­ten Geschichts­bild Putins gibt es kein eigen­stän­di­ges, ukrai­ni­sches Volk, folg­lich auch kein Recht auf einen eigenen Staat.

Die Nation, die sich heute ‚Ukraine‘ nennt, ver­kör­pert in dieser Welt­sicht ein „Anti-Russ­land“ auf einem Teil des Ter­ri­to­ri­ums jenes „Drei­ei­n­i­gen Russ­land“, bestehend aus Zentral-Russ­land (Russ­land), „Weiß“-Russland (Belarus) und „Klein“-Russland (Ukraine), auf dessen Ent­ste­hungs­my­thos und seine beson­dere Bedeu­tung, wenn es um Argu­mente für einen Krieg gegen die heutige Ukraine geht, noch ein­zu­ge­hen sein wird.

In Putins Welt­sicht wurde dieses „Groß­rus­si­sche Reich“ von äußeren Mächten zer­schla­gen, hat aber in seiner Seele über­lebt. Auf die Polen im 17. bzw. 18. Jahr­hun­dert, folgte, vor dem Ersten Welt­krieg, das Habs­bur­gi­sche Kai­ser­reich. Nun, nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union, ist es „der ver­einte, libe­rale, deka­dente Westen“, will sagen: die Euro­päi­sche Union, die, Hand in Hand mit den USA, eine Wie­der­her­stel­lung dieses einzig legi­ti­men rus­si­schen Reichs zu ver­hin­dern ver­sucht. Dem­zu­folge wurden die Sol­da­ten der rus­si­schen Armee nicht als Erobe­rer, sondern als Befreier ent­sandt: 2014 auf die Krim und in den Donbas, 2022 in das gesamte Ter­ri­to­rium.  Dass die Mehr­heit der „Ukrai­ner“ dies noch immer nicht begrei­fen kann, bestä­tigt nur ihre fort­ge­schrit­tene Deka­denz und den ver­blen­den­den Ein­fluss des Westens auf ihr Denken.

Schließ­lich, aber kei­nes­wegs von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung, ein Krieg als Kreuz­zug im Namen der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche. Zum Ver­ständ­nis und zur bes­se­ren Ein­ord­nung dieses spe­zi­fi­schen Kriegs­mo­tivs hilft ein Blick darauf, wie die Ver­flech­tung der welt­li­chen mit der kirch­li­chen Macht in Russ­land ent­stan­den ist, und was die Beson­der­heit der Bezie­hung zwi­schen dem amtie­ren­den rus­si­schen Prä­si­den­ten und dem der­zei­ti­gen Patri­ar­chen der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche ausmacht.

Nicht einmal Stalin schaffte es ohne den Klerus

Die Fes­ti­gung des Ein­flus­ses des ortho­do­xen, rus­si­schen Klerus auf die welt­li­che Politik begann mit einer Ent­schei­dung, die genau diesen Status für immer brechen sollte: Im Zuge seiner später so genann­ten „Petri­ni­schen Refor­men“, mit denen die rus­si­sche Gesell­schaft nach west­li­chem Vorbild ‚moder­ni­siert‘ werden sollte, nutzte Zar Peter I. den Tod von Patri­arch Adrian im Jahr 1700, um dessen Nach­folge zunächst unbe­setzt zu lassen und dann durch einen Hei­li­gen Synod zu erset­zen. Dessen Mit­glie­der mussten einen Amtseid auf den Zaren schwö­ren, die Ver­wal­tung der Kirche wurde von Staats­be­diens­te­ten über­nom­men, kirch­li­cher Grund­be­sitz weit­ge­hend ver­staat­licht, die kle­ri­kale Gerichts­bar­keit eingeschränkt.

Zwei Jahr­hun­derte kämpfte die Kirche um eine Rück­gabe ihrer „Rechte“, bis Ende 1917 das Patri­ar­chat wieder ein­ge­führt und eine Tren­nung von Kirche und Staat, nebst einer Zusi­che­rung freier Reli­gi­ons­aus­übung beschlos­sen, bereits im Januar 1918 aber durch einen Katalog an Ver­bo­ten fak­tisch wieder unter­drückt wurde.

Wenig später begann, was als die wohl weit­rei­chendste und grau­samste Ver­fol­gung von Chris­ten in der Neuzeit gelten muss: In meh­re­ren Wellen wurden Mil­lio­nen christ­li­cher Gläu­bi­ger in der Sowjet­union ver­haf­tet, gefol­tert, in Gulags gesteckt, ermor­det. Doch als Stalin die Sol­da­ten fehlten, um die Sowjet­union gegen Hitlers Truppen zu ver­tei­di­gen, klopfte er bei den ver­blie­be­nen Kir­chen­fürs­ten an, kroch zu Kreuze, rückte von seinen bru­ta­len Repres­sio­nen ab, erlaubte sogar die Wahl eines Patriarchen.

Im Gegen­zug rief die Kirche das ihr tra­di­tio­nell sehr hörige rus­si­sche Volk zur Unter­stüt­zung im Kampf gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus auf. Der Sieg der „Roten Armee“ im „Großen vater­län­di­schen Krieg“ war inso­fern auch der Sieg einer „Armee im Geist der Christ­li­chen Orthodoxie“.

Stalin war das bewusst. Als er 1953 starb waren Tau­sende zuvor geschlos­se­ner Kirchen wieder geöff­net und zahl­rei­che Posten in der ortho­do­xen Hier­ar­chie, quer über alle Pro­vin­zen hinweg, wieder besetzt. Viel ver­dankte der Dik­ta­tor seinem Pakt mit den Stell­ver­tre­tern Gottes auf Erden.

Die Kirche als ver­län­ger­ter Arm und Netz­werk des KGB

Chruscht­schow übersah die Vor­teile eines Quid pro Quo zwi­schen Staat und Kirche, kehrte zum Dogma des unauf­lös­li­chen Wider­spruchs zwi­schen Kom­mu­nis­mus und Kirche zurück und ließ jeden ver­fol­gen, der nicht bereit war, seinen reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen abzu­schwö­ren. Diese Umkehr von der prag­ma­ti­schen Kir­chen­po­li­tik des späten Stalin musste Chruscht­schow indes büßen. Die im Zuge der Ent­sta­li­ni­sie­rung geschaf­fene neue Offen­heit führte zu Gegen­be­we­gun­gen, Peti­tio­nen und Pro­tes­ten. 1961 kam es zu einer Kir­chen­re­form, die das Kräf­te­ver­hält­nis annä­hernd wieder ins Gleich­ge­wicht brachte.

Bre­schnew wie­derum lernte hieraus und ver­suchte es mit einer Stra­te­gie der Locke­rung plus Unter­wan­de­rung des rus­sisch-ortho­do­xen Klerus durch den KGB. Ein Vor­ge­hen, das sich als deut­lich erfolg­rei­cher erwies und bis heute Früchte trägt: Der amtie­rende Patri­arch Kyrill I. (im Amt seit 2009) stammt ebenso aus dieser „Linie“ wie sein Vor­gän­ger Alexius II. (Patri­arch bis 2008).

Staats­kir­che dank Gor­bat­schow und Jelzin

Auch Michail Gor­bat­schow wusste sich des Kir­chen­ap­pa­ra­tes geschickt zu bedie­nen. Regel­mä­ßig besuchte er Got­tes­dienste, lud ortho­doxe Wür­den­trä­ger in den Kreml ein, sorgte für die Rück­gabe zahl­rei­cher Kirchen, Klöster und Län­de­reien an den Klerus und erhöhte die staat­li­chen Gelder für die ROK massiv.

Voll­ends für Boris Jelzin als erstem Prä­si­den­ten eines demo­kra­ti­schen Russ­lands blieb jede Über­le­gung in Rich­tung einer lai­zis­ti­schen Staats- und Gesell­schafts­form tabu. Im Gegen­teil nutzte er die eta­blier­ten kirch­li­chen Netz­werke höchst effi­zi­ent. 1997 unter­zeich­nete er ein Reli­gi­ons­ge­setz, dessen Prä­am­bel von der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche als der Kirche und Lehre spricht, die Geschichte und Kultur Russ­lands maß­geb­lich geprägt habe. Fak­tisch bedeu­tete das die Ernen­nung der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche zur Staatskirche.

Putin – Prä­si­dent mit dem Segen der Kirche

Berech­nend und mit einem Akt, dessen Sym­bo­lik wohl nicht zufäl­lig an Zaren­zei­ten erin­nerte, sorgte Jelzin zum Abschluss seiner Amts­zeit sogar dafür, dass die für beide Seiten so vor­teil­hafte Koope­ra­tion zwi­schen Staat und Kirche fortan gleich­sam als Einheit wirken konnte.

Weil der von ihm als Nach­fol­ger aus­er­ko­rene, voll­kom­men unbe­kannte Wla­di­mir Putin bei einer Wahl durch das Volk kaum Chancen gegen ver­gleichs­weise popu­läre Kan­di­da­ten gehabt hätte, ernannte ihn der schei­dende Staats­prä­si­dent über Nacht zum „Geschäfts­füh­ren­den Prä­si­den­ten“ – ein Amt, das es laut Ver­fas­sung gar nicht gab. Zur Lösung des ziem­lich irdi­schen Pro­blems rief Jelzin den Patri­ar­chen der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche herbei. Der gab dem „geschäfts­füh­ren­den Prä­si­den­ten“ vor lau­fen­den Fern­seh­ka­me­ras und einem welt­wei­ten Publi­kum seinen – und damit den gött­li­chen – Segen.

Das Delikt der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ein­set­zung eines Prä­si­den­ten der Rus­si­schen Föde­ra­tion sollte durch den Akt ortho­do­xer Segnung, also durch die Ver­lei­hung höherer, reli­giö­ser Weihen „geheilt“ werden: Was im Augen­blick des Gesche­hens und aus west­li­chem Blick­win­kel wie ein gro­tes­kes Schau­spiel wirkte – zumal in einem Staat, der den Anspruch erhob, demo­kra­tisch zu sein – erweist sich rück­wir­kend betrach­tet als gera­dezu pro­phe­ti­scher Akt. Putin wird sich des Mittels kirch­li­cher Segnung von poli­ti­schen Rechts­brü­chen fortan regel­mä­ßig selbst bedie­nen. Und das Patri­ar­chat – zuletzt Kyrill I. im März dieses Jahres – wird Putin regel­mä­ßig als „von Gott Gesand­ten“ wür­di­gen. Manus manum lavat.

Die Sym­bo­lik dieses Aktes rückte außer­dem – eben weil es dabei um mehr ging als eine ‚bloße‘ Segnung – die Macht der Kirche über die des Staates. Ein nicht ganz unei­gen­nüt­zi­ges Geschenk des schei­den­den Prä­si­den­ten an den rus­sisch-ortho­do­xen Klerus. Viele Vor­würfe standen gegen Jelzin im Raum; da galt es für den eigenen Schutz vor­zu­sor­gen. Jelzin war nicht nur ein gefürch­te­ter Trinker, er war auch ein zu fürch­ten­der Fuchs: Putin stand vom ersten Augen­blick, in dem die Macht über Russ­land in seinen Händen lag, in der Schuld der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche.  Der­glei­chen ver­bin­det. Abwech­selnd wäscht seitdem eine Hand die andere.

Manus manum lavat..

Teil 2: Mit­tel­al­ter­li­che Fassade. Moder­ner Machtapparat.

Irgend­wann soll wieder Frieden sein. Wie aber kann dieser Frieden aussehen?

Kriege sind auch Kul­tur­kämpfe. Der Ukraine-Krieg macht dabei keine Aus­nahme. Bei Ver­hand­lun­gen um einen Frieden und um die Zukunft der beiden Haupt­par­teien – die Ukraine und die Rus­si­sche Föde­ra­tion – kann das nicht aus­ge­blen­det werden. Kennt­nis und Ein­be­zie­hung aller betei­lig­ten Kon­flikt­par­teien ist ebenso grund­le­gend, wie eine klare Vor­stel­lung ihrer Inter­es­sen und Argu­mente – unab­hän­gig davon, ob diese völ­ker­recht­lich und/​oder kul­tur­ge­schicht­lich sub­stan­ti­iert sind oder nicht.

Der Westen fokus­siert sich bislang auf den von rus­si­scher Seite pro­vo­zier­ten, poli­ti­schen Kon­flikt und auf die Person von Wla­di­mir Putin als ver­meint­lich allein ent­schei­den­dem Aus­lö­ser dieses Krieges und als Haupt­hin­der­nis für einen trag­fä­hi­gen Frieden.

So klar scheint die Sach­lage zu sein, dass nahezu ein­hel­lig unter­stellt wird, ein Putsch gegen Putin, alter­na­tiv sein Tod, könne die Situa­tion grund­le­gend ver­än­dern. Aber wäre das so?

Abge­se­hen davon, dass sich selbst jene unter den poten­zi­el­len Nach­fol­gern für Putin, die, wie Dimitri Med­we­dew, als Ver­tre­ter eines prag­ma­ti­sche­ren Kurses galten, zu gefü­gi­gen Adepten seines Welt­bilds, seiner Ziele und seiner zyni­schen Kälte ent­wi­ckelt haben: Was, wenn die schein­bar auto­kra­ti­sche Macht des rus­si­schen Prä­si­den­ten weit weniger unab­hän­gig wäre? Wenn es außer­halb des Kremls weitere Systeme von Macht und Ein­fluss in Russ­land gäbe, und diese Kräfte stark genug wären, dass sich selbst ein Wla­di­mir Putin nicht völlig frei machen könnte von ihnen?

Die Rolle der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche im heu­ti­gen rus­si­schen Macht­ge­füge und die his­to­ri­schen Hin­ter­gründe dafür sind im Westen wenig bekannt und werden in der Dis­kus­sion um Ursa­chen und Folgen des Krieges in der Ukraine daher zu wenig berücksichtigt.

Ver­säum­nisse und Fehl­ent­schei­dun­gen von weit­rei­chen­der Dimen­sion sind die Folge. Ein Bei­spiel dafür ist der Beschluss der EU-Kom­mis­sion, den als Nr. 1158 auf der Liste der zu sank­tio­nie­ren­den Per­so­nen im Entwurf zum „6. Paket restrik­ti­ver Maß­nah­men gegen Russ­land“ vor­ge­se­he­nen Namen „Wla­di­mir Michailo­witsch Gund­ja­jew“ alias Kyrill I., „Patri­arch von Moskau und der ganzen Rus“, zu strei­chen. Nicht nur, dass man damit dem Druck der Regie­rung von Ungarn nachgab und sich einmal mehr von deren Minis­ter­prä­si­den­ten Viktor Orban vor­füh­ren ließ. Die EU hat damit einer höchst bedenk­li­chen Figur und ihrem ebenso kor­rup­ten, wie ein­fluss­rei­chen und gefähr­li­chen Macht­ap­pa­rat Hand­lungs­frei­heit gegeben.

Macht­stre­ben und Luxus­le­ben hinter mit­tel­al­ter­li­cher Fassade

Hinter einer kir­chen­sei­tig gepfleg­ten Fassade vor­mo­der­nen – um nicht zu sagen: spät­mit­tel­al­ter­li­chen – Auf­tre­tens ver­birgt sich ein Apparat, der sich nicht auf eine Pflege des See­len­heils beschränkt: Die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche (ROK) zählt zu den größten nicht­staat­li­chen Land­be­sit­zern in Russ­land, Belarus und der Ukraine. Neben Kirchen, Klös­tern und Land­gü­tern verfügt sie zudem über ein statt­li­ches Immo­bi­lien-Impe­rium. Exper­ten schät­zen die Ein­nah­men allein aus diesem Bereich auf umge­rech­net bis zu 1 Mil­li­arde US-Dollar jähr­lich. Hinzu kommen Gelder, die der ROK ver­fas­sungs­ge­mäß aus der Staats­kasse zuste­hen, und Spenden von Pri­vat­leu­ten und Wirt­schafts­un­ter­neh­men. Das Pres­se­büro von Kyrill I. sah sich vor einigen Jahren ver­an­lasst, nach­träg­lich auf einem bereits ver­öf­fent­lich­ten Foto eine goldene Luxus­uhr vom Hand­ge­lenk des Patri­ar­chen zu retu­schie­ren. Die Ein­kaufs­tou­ren seiner Entou­rage bei Besu­chen von Metro­po­lien (Diö­ze­sen) der ROK in New York, Chicago, London, Paris, Berlin oder Wien sind legendär.

Für aus­rei­chend Beweg­lich­keit des Klerus sorgt eine beein­dru­ckende Flotte aus Fahr­zeu­gen, vor­zugs­weise der geho­be­nen Klasse, Hub­schrau­bern und, Berich­ten zufolge, sogar Flug­zeu­gen. Bei Aus­lands­be­su­chen ist man stets Gast der jewei­li­gen Bot­schaft der Rus­si­schen Föde­ra­tion, wohnt in Vier‑, lieber noch Fünf-Sterne-Hotels und genießt den dazu­ge­hö­ri­gen Service. Die Ver­wal­tung der Besitz­tü­mer und der allein in Russ­land unge­fähr 115 Mil­lio­nen, welt­weit rund 150 Mil­lio­nen Gläu­bi­gen erfolgt ebenso wie die enga­gierte Offline- und Online-Kom­mu­ni­ka­tion der ROK mit­hilfe kirch­li­cher Medien samt eigener Trolle in Sozia­len Netz­wer­ken – soge­nann­ten „Kyrill-Bots“.

Per­so­nell ist die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche seit den 1970er Jahren eng mit den Geheim­diens­ten ver­bun­den. Seit der Bre­schnew-Ära gibt es keinen Patri­ar­chen der ROK, der nicht auch Wurzeln beim KGB bzw. dessen Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion FSB gehabt hätte. „Glei­ches gilt für die meisten Metro­po­li­ten (Erz­bi­schöfe) und für min­des­tens ein Drittel aller Pries­ter und Anwär­ter auf ein Pries­ter­amt bei uns“, sagt ein füh­ren­des Mit­glied der ROK im ver­trau­li­chen Gespräch. Und fügt hinzu: „Die Anwer­bung erfolgt im Pries­ter­se­mi­nar. Berichte für den FSB zu ver­fas­sen, gehört so selbst­ver­ständ­lich zum Leben als Pries­ter unserer Kirche, wie die Beichte zum Leben der Gläubigen.“

Säule der „Rus­si­schen Welt“ und Mit­ge­stal­te­rin des Putin-Staats

Die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche unter Kyrill I. sieht sich als tra­gende Säule der „Russki Mir“. Die Ver­tei­di­gung dieses Ideals einer „Rus­si­schen Welt“ gegen Ein­flüsse „west­li­cher Deka­denz“ – ein Begriff, der alles umfasst vom Recht auf indi­vi­du­elle Frei­heit über demo­kra­ti­sche Grund­werte bis zur sexu­el­len Selbst­be­stim­mung – hat sie zu einer Haupt­auf­gabe neben der Mis­sio­nie­rung in vor­zugs­weise roh­stoff­rei­chen Dritt-Welt-Regio­nen gemacht. Ent­spre­chend inten­siv und mit durch­aus aggres­si­ver Ziel­stre­big­keit bringt sie sich neben der Ver­kün­dung reli­giö­ser Bot­schaf­ten in die Gestal­tung eines anti­mo­der­nen, anti­li­be­ra­len Russ­lands der Zukunft ein.

Wenn der Patri­arch, seine Metro­po­li­ten und Pries­ter überall in Russ­land in diesen Tagen Sol­da­ten, Panzer und Raketen segnen, dann nicht nur, weil sie Putins poli­ti­schen Kriegs­kurs stützen, sondern weil diese Kirche ein ganzes Bündel an eigenen reli­gi­ons­ge­schicht­lich, reli­gi­ons­phi­lo­so­phisch und kir­chen­po­li­tisch begrün­de­ten Inter­es­sen an einem Krieg gegen die Ukraine hat. Und „Argu­mente“, die his­to­risch noch weiter zurück­grei­fen als die Her­lei­tung Putins für seine poli­ti­sche Ambitionen.

Einen Frieden ohne die Revi­sion der Hin­wen­dung der ukrai­ni­schen Nation zu einer moder­nen, west­lich libe­ra­len Gesell­schaft, besser noch: die Aus­lö­schung des kul­tu­rel­len Selbst­be­wusst­seins – womit in diesem Fall die Iden­ti­tät stif­tende, gesell­schaft­li­che, poli­ti­sche und reli­giöse Unab­hän­gig­keit des ukrai­ni­schen Volkes gemeint ist – will diese Kirche ebenso wenig wie das poli­ti­sche Estab­lish­ment im Kreml.

Für Putin ist die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche damit ein enger, zugleich aber auch for­dern­der Ver­bün­de­ter in diesem Krieg. Dafür, dass seine poli­ti­sche „Spe­zi­al­ope­ra­tion“ von Kyrill I. und seinen Pries­tern gegen­über Mil­lio­nen Gläu­bi­ger zum „Hei­li­gen Krieg gegen das Böse“, alter­na­tiv zum „Kreuz­zug zur Bewah­rung von Gottes Willen auf Erden“ erklärt wird, erwar­tet man Gegen­leis­tun­gen. Eine Resti­tu­tion der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche auf dem Gebiet, das Kyrill I. neu­er­dings immer öfter „Klein­russ­land“ statt „Ukraine“ nennt, wäre umge­kehrt nicht nur von kir­chen­po­li­ti­schem Inter­esse. Sie wäre auch „hilf­reich“, um ener­gisch genug gegen die unter­stellte west­li­che Deka­denz vor­zu­ge­hen, die, wenn man es mit den Augen Putins und Kyrills I. sieht, aus der unab­hän­gi­gen Ukraine ein Sodom und Gomor­rha gemacht hat.

Die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche ist also nicht nur eine Insti­tu­tion, die zwin­gend auf die Liste der zu Sank­tio­nie­ren­den in Russ­land gehört. Sie muss ebenso zwin­gend bei Ver­hand­lun­gen für einen Frieden mit am Tisch sitzen. Mag sie sich dort auch als dif­fi­ci­lium inter dif­fi­ci­lii, als „Schwie­rigs­ter unter Schwie­ri­gen“ erwei­sen: Ohne sie wird es keinen trag­fä­hi­gen Frieden geben, das zeigt ein an dieser Stelle wich­ti­ger Blick in die Geschichte.

Geburts­hel­fer, Täufer und Tauf­pate zugleich

Die Rus­sisch-Ortho­doxe-Kirche nimmt für sich in Anspruch, gleich­sam Geburts­hel­fer, Täufer und Tauf­pate jener „Russki Mir“ („Rus­si­schen Welt“) gewesen zu sein, die Putin zu dem unter­ge­gan­ge­nen Mythos erhob, den es wie­der­zu­be­le­ben gelte: Ein Reich, das weit über die heutige Rus­si­sche Föde­ra­tion hin­aus­reicht und das weniger durch geo­gra­phi­sche oder poli­ti­sche Grenzen defi­niert wird, als durch einen inneren „Zusam­men­halt der Werte“, durch Sprache und Kultur, Glauben an die christ­lich-ortho­doxe Lehre und einen Konsens darüber, dass eine Gesell­schaft keine Frei­heit des Indi­vi­du­ums, sondern die gemein­same Aus­rich­tung auf einen ein­zi­gen Führer brauche.

Ortho­doxe Brüderkämpfe

Wenn Putin sein Ziel einer Wie­der­her­stel­lung des „Groß­rus­si­schen Reichs“ damit begrün­det, dieses sei als das „Drei­ei­n­ige Reich, bestehend aus Russ­land, Weiß­russ­land und Klein­russ­land, das sich heute Ukraine nennt, dem Tauf­be­cken am Dnjepr ent­stie­gen“, so bezieht er sich auf exakt die­selbe Legende, mit der sich die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche – als Geburts­hel­fer, Tauf­pate und Täufer – über das welt­li­che Russ­land erhebt: 988 n. Chr. ließ sich Groß­fürst Wla­di­mir I., Herr­scher über die „Kiewer Rus“, zum Chris­ten­tum bekeh­ren und taufen. Was in den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten in der Groß­re­gion um Kiew und Now­go­rod, entlang der Han­dels­wege zwi­schen dem Schwar­zen Meer und der Ostsee, geo­gra­phisch also im Zentrum der heu­ti­gen Ukraine, ent­stand, gilt als Ur-Zelle der sla­wisch-ortho­do­xen Kultur.

Sitz des Metro­po­li­ten war bis 1299 Kiew, dann für kurze Zeit das 200 km östlich von Moskau gele­gene Wla­di­mir, und ab 1325 Moskau. Ende des 15. Jahr­hun­derts begann eine schritt­weise Abspal­tung der „Metro­po­lie (Diözese) von Kiew und ganz Russ­land“, die 1590 offi­zi­ell besie­gelt wurde.

Der his­to­ri­sche Hin­ter­grund ist wesent­lich. Denn seit dieser Zeit kommt es nicht nur regel­mä­ßig zu mas­si­ven Ein­fluss­nah­men seitens der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche auf die welt­li­che Politik. Es ent­stand auch ein inner­kirch­li­cher Dau­er­streit um die reli­giöse Deu­tungs­ho­heit und das Recht, die per­so­nelle Führung zu stellen. Damit einher gingen zyklisch auf­flam­mende, aber erstickte Bestre­bun­gen einer Abspal­tung der ukrai­ni­schen von der rus­si­schen ortho­do­xen Kirche.

1918 schließ­lich, im Zuge der Aus­ru­fung der ersten unab­hän­gi­gen Repu­blik Ukraine, stimmte die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche einer auto­no­men ukrai­nisch-ortho­do­xen Kirche zu, die 1920 gegrün­det wurde, aber ange­sichts der Ver­fol­gun­gen durch Stalin und kom­ple­xer inner­kirch­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen nur bis 1937 bestand. In den Jahr­zehn­ten danach – den „Jahr­zehn­ten der gebun­de­nen Hände“ – über­nahm „die Mut­ter­kir­che in Moskau“ auch die Regent­schaft über die Gläu­bi­gen in der Ukraine.

Mit der zweiten Unab­hän­gig­keit der Ukraine, 1990/​91, arti­ku­lierte sich auch wieder der Anspruch auf eine kirch­li­che neben der welt­li­chen Eigen­stän­dig­keit. Das Patri­ar­chat in Moskau ver­hin­derte dies, unter­stützt durch den Kreml und Bar­tho­lo­meos I., seit 1991 Öku­me­ni­scher Patri­arch von Kon­stan­ti­no­pel. Nicht zu Unrecht fürch­tete dieser, dass sich der Riss zwi­schen der ten­den­zi­ell prag­ma­ti­sche­ren, ukrai­nisch-ortho­do­xen und der tra­di­tio­nell dog­ma­ti­schen, rus­sisch-ortho­do­xen zu einer Spal­tung der ortho­do­xen Kirche ins­ge­samt aus­wei­ten könnte.

Der Bruch, der nie ver­zie­hen wird

Drei Jahr­zehnte später, 2018, indes sah sich Bar­tho­lo­meos I. ver­an­lasst, ein Zeichen von his­to­ri­scher Trag­weite zu setzen, dem Antrag der Ukrai­ner auf Autoke­pha­lie – also: kirch­li­cher Selb­stän­dig­keit und damit Abspal­tung von der rus­sisch-ortho­do­xen Kirche – zuzu­stim­men. „Bar­tho­lo­meos ist ein weiser Mann“, sagt ein ukrai­nisch-ortho­do­xer Metro­po­lit im Inter­view. „Ihm bleibt nicht ver­bor­gen, wo Demut in Über­heb­lich­keit und Achtung für das Gegen­über in Demü­ti­gung dieses Gegen­übers umschlägt.“ – Eine so diplo­ma­ti­sche wie treff­li­che Umschrei­bung der Ernied­ri­gung alles Ukrai­ni­schen seitens rus­sisch-ortho­do­xer Glau­bens­brü­der und deren immer aggres­si­ver gewor­de­nen Atta­cken gegen die, wenn auch nur spalt­weise, Öffnung der Mehr­heit in der ukrai­nisch-ortho­do­xen Kirche für einen Kurs, der sich auf­ge­schlos­se­ner zeigt für bestimmte Ent­wick­lun­gen der moder­nen und libe­ra­len Gesell­schaft. Wobei anzu­mer­ken ist, dass sich damit zwar die Mehr­heit ortho­do­xer Chris­ten in der Ukraine von der Führung durch das Mos­kauer Patri­ar­chat abge­wen­det hat, ein Teil – vor­wie­gend im Osten der Ukraine – jedoch für den Ver­bleib unter dem Dach der ROK optierte und dabei auch bis heute geblie­ben ist.

Bar­tho­lo­meos‘ Ent­schei­dung dürfte die seit Jahr­hun­der­ten weit­rei­chendste eines Obers­ten Patri­ar­chen der welt­wei­ten Gemein­schaft ortho­do­xer Chris­ten gewesen sein. Es war eine offene Kampf­an­sage an den reak­tio­när-dog­ma­ti­schen Kurs der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche und damit ganz per­sön­lich an Kyrill I., dessen Reak­tion nicht lange auf sich warten ließ.

Seit der Abspal­tung der Ukrai­nisch-Ortho­do­xen Kirche nimmt nicht nur die Zahl der öffent­lich doku­men­tier­ten Treffen zwi­schen dem Patri­ar­chen und dem rus­si­schen Prä­si­den­ten erheb­lich zu.  Auf­fal­lend ist auch, dass Kyrill I. sich immer öfter, mit immer expli­zi­te­ren und aggres­si­ve­ren Aus­sa­gen zu tat­säch­li­chen oder unter­stell­ten Ent­wick­lun­gen in der Ukraine äußert und schließ­lich, im Ein­klang mit Putin, zu dem Fazit kommt: „Das ukrai­ni­sche Volk ist dem Westen ver­fal­len, und seine ver­lo­re­nen Seelen wüten gegen das Gute und Wahre wie einst Saulus gegen das Wahre und Gute gewütet hat. Doch die Hoff­nung, dass es wie Saulus aus eigener Kraft zu Ver­nunft und Bekeh­rung findet, ist seit seiner end­gül­ti­gen Abkehr gering. Wenn seine Fäulnis nicht um sich greifen soll, muss seine Über­heb­lich­keit aus­ge­löscht werden.“

Teil 3: Iwan Iljin – der Gott neben Gott

Nachdem aus dem „kom­mis­sa­ri­schen Prä­si­den­ten“ Wla­di­mir Putin im Mai 2000 durch mehr oder minder demo­kra­ti­sche Wahlen ein ver­fas­sungs­ge­mä­ßer Prä­si­dent der Rus­si­schen Föde­ra­tion gewor­den war, stand dieser einer­seits tief in der Schuld der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche (ROK), ohne deren ent­schlos­se­nen und „segens­rei­chen“ Auf­tritt Jelzins Plan kaum auf­ge­gan­gen wäre; ande­rer­seits brauchte der neue rus­si­sche Prä­si­dent schnell einen mar­kan­ten Erfolg, der ihm beim rus­si­schen Volk den nötigen Respekt und Rück­halt ver­schaf­fen konnte.

Der seit län­ge­rem schwe­lende Krieg „gegen die tsche­tsche­ni­schen Ban­di­ten und Ter­ro­ris­ten“ bot sich an: Putin trieb ihn gezielt in eine schwere Eska­la­tion. Unüber­seh­bar war die damit ein­her­ge­hende Dan­kes­geste an die Kirche, die ihm auch hierfür ihren Segen gegeben hatte. Nicht nur ortho­doxe Pries­ter ver­stan­den, dass das Wort „tsche­tsche­nisch“ in dem zitier­ten Schlacht­ruf als Synonym für „mus­li­misch“ gemeint war. Die Ironie der Geschichte wollte es so, dass 22 Jahre später, in Putins Krieg gegen die Ukraine, auch tsche­tsche­ni­sche Sol­da­ten auf rus­si­scher Seite kämpfen, und sich in Mariu­pol für jeden zer­stör­ten Häu­ser­block und erober­ten Stra­ßen­zug mit „Allahu Akbar!“-Rufen feiern.

Normal ist, was man nicht ändern kann

Die über Jahr­hun­derte ent­stan­dene und, wie oben beschrie­ben, selbst zu Sowjet­zei­ten gepflegte, sym­bio­ti­sche Bezie­hung und wech­sel­sei­tige Instru­men­ta­li­sie­rung zwi­schen welt­li­chem und kirch­li­chem Macht­ap­pa­rat in Russ­land hat sich unter Putin noch weiter vertieft.

Der Mehr­heit des rus­si­schen Volkes ist das allen­falls ein Ach­sel­zu­cken wert. Wer es nicht für normal hält, nimmt es als gegeben und unab­än­der­lich hin. Ohnehin gilt Kritik an der Kirche und ihren Ver­tre­tern in ortho­dox gepräg­ten Gesell­schaf­ten nach wie vor weithin als ein Sakri­leg. Man mag sich über die Stadt­ver­wal­tung bekla­gen oder den Gou­ver­neur als korrupt ver­teu­feln, aber sobald das Gespräch auf die Kirche kommt, ver­stummt selbst eine Runde unter ver­meint­lich guten Freun­den schnell. Zumal in der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche kann von einem offenen und kri­ti­schen Diskurs zwi­schen Klerus und Gläu­bi­gen nicht die Rede sein. „Der Weg der Lehre geht von oben nach unten. Der Gläu­bige nimmt sie demütig auf und ver­in­ner­licht sie, ohne Klagen und ohne Fragen. So war das, so ist das und so soll das auch bleiben,“ sagt Andrej, ein ukrai­nisch-ortho­do­xer Pries­ter, der sich von dieser Dog­ma­tik abge­kehrt hat und, wie er es nennt, für eine „Zukunft der Ökumene“ kämpft – neu­er­dings nicht nur mit Worten, sondern mit dem Gewehr. „Gebete allein werden uns nicht retten. Gott ist unser Zeuge dafür, dass wir ver­tei­di­gen, was wir fried­lich in seinem Namen geschaf­fen haben. Eine Kirche, die einen Krieg segnet und ein angeb­li­ches Bru­der­volk als Feind ver­un­glimpft, hat jedes Recht, sich auf Gott zu berufen, ver­wirkt. Der Geist von Patri­arch Kyrill muss so ver­wirrt und ver­ne­belt sein wie der von Putin.“

Der Prä­si­dent und der Patri­arch: Eine unhei­lige Symbiose

Zur engen Ver­bin­dung der Inter­es­sen kommt bald eine enge Bezie­hung auch auf per­sön­li­cher Ebene. Im Dezem­ber 2008 stirbt Alexius II., der Patri­arch, der Putin ins Amt gehol­fen hatte. Sein Herz­ver­sa­gen kam über­ra­schend, wird gleich­wohl nicht weiter unter­sucht und sorgt, in Kom­bi­na­tion mit seiner mitt­ler­weile kaum mehr zu bezwei­feln­den KGB-Ver­gan­gen­heit (Deck­name „Drosdow“) und seiner enga­gier­ten Annä­he­rung an die römisch-katho­li­sche Kirche, bis heute für Spekulationen.

Angeb­lich wurden mehrere geplante Treffen zwi­schen ihm und dem dama­li­gen Papst Johan­nes Paul II. durch inner­kirch­li­che Intri­gen ver­hin­dert. Maß­geb­lich daran betei­ligt gewesen sein soll der Glau­bens­bru­der, der später sein Nach­fol­ger wird: Kyrill I., während der Amts­zeit von Alexius II. Metro­po­lit von Smo­lensk und Kali­nin­grad, zwei der kir­chen­po­li­tisch ein­fluss­reichs­ten Diö­ze­sen inner­halb der ROK.

Zwei von einem Geist

Für die oft geäu­ßerte Behaup­tung, Putin und Kyrill I. hätten sich bereits aus KGB-Zeiten gekannt, gibt es bis dato keinen zwei­fels­freien Beleg. Umso inter­es­san­ter ist die Geis­tes­ver­wandt­schaft, die sich schon kurz nach Kyrills Wahl zum neuen Kir­chen­ober­haupt zwi­schen den beiden offenbart.

Ob es Freund­schaft ist, oder, eher wahr­schein­lich: ein stra­te­gi­sches Bündnis, was die beiden ver­bin­det: Schnell wird offen­sicht­lich, dass hinter der Sym­biose zwi­schen Kreml und Kirche ab sofort mehr steht als pro­fa­nes, macht­po­li­ti­sches und mate­ri­el­les Nutznießertum.

Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch Putin und Wla­di­mir Michailo­witsch Gund­ja­jew alias Kyrill I. ver­bin­det eine Ideo­lo­gie. Ein Welt­bild, das wenig Sym­pa­thie hat für die Errun­gen­schaf­ten der Auf­klä­rung und der Moderne und sich statt­des­sen auf eine Hand­voll natio­nal­chau­vi­nis­ti­scher, radikal reli­giö­ser, haupt­säch­lich rus­si­scher ‚Denker‘ beruft, aus denen wie­derum einer beson­ders her­aus­ragt: Iwan Alex­an­d­ro­witsch Iljin (1883 – 1954). Dieser liefert beson­ders brauch­bare Argu­mente, wenn es um die Wie­der­her­stel­lung des Groß­rus­si­schen Reichs geht und erweist sich zugleich als ideale geis­tige Brücke zwi­schen welt­li­cher und reli­giö­ser Macht.

Kyrill schwärmt von Iwan Iljin als „dem größten Denker, den Russ­land her­vor­ge­bracht hat“; Putin ant­wor­tet Schü­lern auf die Frage nach seinem größten Vorbild: „Iljin.“

Geschichts­klit­te­rung, Füh­rer­kult, Heilsbotschaften

Iljins Schrif­ten lesen sich über weite Stre­cken wie Pam­phlete eines Ober­pri­ma­ners: Kon­glo­me­rate aus miss­ver­stan­de­nem Kant, Fichte und Hegel, zusam­men­ge­hal­ten von bild­kräf­ti­gen, alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Dogmen, durch­setzt von wild gedeu­te­ten und zurecht gebo­ge­nen Thesen Sigmund Freuds. Dazu pathe­tisch auf­ge­la­dene „Staats­phi­lo­so­phien“, unter­mau­ert durch eine radi­kale ortho­doxe Religionsphilosophie.

Man unter­schätzt den Beitrag dieses ‚Denkers‘ nicht, wenn man unter­stellt, dass sein Werk ohne Bedeu­tung für die Mensch­heit geblie­ben wäre, hätten nicht Wla­di­mir Putin und Patri­arch Kyrill I. darin ihr Arsenal an Argu­men­ten für ein Gemisch aus Geschichts­klit­te­rung, Füh­rer­kult, Heils­bot­schaf­ten, natio­nal­chau­vi­nis­ti­schen Phrasen und meta­phy­sisch auf­ge­la­de­nen Ana­lo­gien gefun­den. So aber kommt, wer die „Argu­men­ta­tion“ hinter Putins Krieg und Kyrills Kreuz­zug ver­ste­hen will, nicht um die Marter einer Lektüre seiner Mach­werke herum.

Hitler: zu wenig reli­giös. Mus­so­lini: inspi­rie­ren­der Führer

Ent­schei­dend für Putin und Kyrill ist Iwan Iljins Kern­these von Russ­land als der Nation, mit der sich ein „christ­li­ches Heils­ver­spre­chen“ erfülle.

Gott, so Iljin, schuf die Welt, um sich selbst zu ver­voll­komm­nen. Mit der Erschaf­fung des Men­schen indes kam die Sünde in diese Welt, die dar­auf­hin in Stücke zer­brach. Um zu retten, was seitdem ver­lo­ren ging, braucht es eine recht­schaf­fene Nation unter einem starken Führer. Iljin schwärmte zunächst für Adolf Hitler, musste aber erken­nen, dass dieser von Reli­gion zu wenig hielt. Bei Mus­so­lini fand er schon eher, was in sein Konzept passte. Die Reden und Auf­tritte des „Duce“ inspi­rier­ten den Viel­schrei­ber Iljin zu immer neuen Varia­tio­nen einer Recht­fer­ti­gung des poli­ti­schen Totalitarismus.

Rechts­staat­lich­keit ist für Iljin kein Grund­recht, Demo­kra­tie ein Irrweg. Ins­be­son­dere die auf­stre­bende, gesell­schaft­li­che Mit­tel­klasse stehe auf­grund ihres Selbst­be­wusst­seins und ihres Stre­bens nach Selb­stän­dig­keit den „wahr­haf­ti­gen Führern“ im Weg: Wie sollte eine Nation jemals geschlos­sen und stark in der Welt stehen, wenn sie, wie die euro­päi­schen, „aus lauter Ein­zel­gän­gern“ bestand? Statt­des­sen brauche es eine „Dik­ta­tur der natio­na­len Erziehung“.

In Mus­so­li­nis Faschis­mus sah Iljin ein erstes, viel­ver­spre­chen­des Modell. „Der Faschis­mus ist das ret­tende Übermaß an patrio­ti­scher Willkür.“ Aber unge­ach­tet aller Begeis­te­rung für den „Duce“, gab es nur ein Volk, das für den „Akt der Erlö­sung“ in Frage kam: Das Rus­si­sche. Hatte es sich nicht „jahr­hun­der­te­lang tugend­haft und ohne sich jemals selbst zu ver­leug­nen gegen Angriffe und Über­griffe ver­tei­digt“?  War es nicht – unter allen christ­lich-abend­län­di­schen Völkern – „das Eine und Einzige“, das seinen „gött­li­chen Wesens­kern niemals ver­leug­net und niemals ver­lo­ren“ hatte? Konnte es sich nicht zu jeder Zeit darauf ver­las­sen, dass „Gott ihm see­li­sche Stärke verlieh“?

„Eine Ukraine gibt es nicht.“

Von der „Ukraine“ und den „Ukrai­nern“ spricht Iwan Iljin stets nur mit Ironie und sar­kas­ti­scher Her­vor­he­bung. Wer seit dem 24. Februar 2022 Putins Reden und Kyrills wöchent­li­che Hir­ten­briefe liest, wird nicht nur sinn­ge­mäße Über­ein­stim­mun­gen finden, sondern auch eine Zunahme an Aggres­si­vi­tät, für die selbst Iwan Iljin ein halbes Leben brauchte.

Wann Kyrill diesen „Denker“ ent­deckt hat, ist schwer zu rekon­stru­ie­ren. Da Putin sich seit seinem Amts­an­tritt in seinen Reden regel­mä­ßig auf Iljin bezog und außer­dem 2005 dessen Gebeine aus der Schweiz nach Moskau holen und dort mit kirch­li­chem Pomp bestat­ten hatte lassen, dürfte er sich spä­tes­tens seitdem ein­ge­hen­der mit ihm befasst haben.

Iwan Iljin – der neue Säulenheilige

Gemein­sam haben Putin und Kyrill I. den zuvor nicht zu Unrecht wenig bekann­ten „Denker“ Iwan Iljin zum Säu­len­hei­li­gen ihrer Ideo­lo­gie von einem „Hei­li­gen Russ­land der moder­nen und christ­lich-ortho­do­xen Zeit“ erhoben und zur Pflicht­lek­türe in den Schulen gemacht.

Der Zerfall der Sowjet­union soll der Schluss­punkt einer an sich selbst geschei­ter­ten Epoche sein, aber auf dem Weg zur Wie­der­her­stel­lung Russ­lands his­to­ri­scher Bedeu­tung allen­falls eine Zäsur. Grö­ße­res werde folgen, nicht nur im Sinne einer ter­ri­to­ria­len Macht, sondern von welt­li­cher Macht plus gött­li­cher Erhabenheit.

Das künf­tige „Groß­rus­si­sche Reich“, das unter ihm, Wla­di­mir Putin, mit tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung und dem Segen der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche aus der heu­ti­gen Rus­si­schen Föde­ra­tion her­vor­ge­hen soll, soll die Ver­ir­run­gen der Geschichte revi­die­ren und voll­brin­gen, was seit Jahr­tau­sen­den auf seine Voll­endung – und seinen Voll­ender – wartet: Die „Russki Mir“, die „Rus­si­sche Welt“ als einem Reich Gottes auf Erden.

Und, was ent­schei­dend ist: Für den Fall, dass er selbst dieses Vor­ha­ben nicht voll­enden können sollte, werden es seine Nach­fol­ger tun. Den Rück­halt im Volk wird ihnen, so ist der Plan, der dank Kyrill bislang aufgeht, die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche sichern.

Wer an einen Frieden nach diesem grau­en­vol­len Krieg denkt, muss diese ideo­lo­gi­schen Hin­ter­gründe und vor allem die für dieses Welt­bild ele­men­tare Ver­flech­tung von Staat und Kirche, poli­ti­schen und reli­giö­sen Mythen, berück­sich­ti­gen. Der Westen muss sich drin­gend lösen von seiner allei­ni­gen Fokus­sie­rung auf Wla­di­mir Putin. Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist ein Gemein­schafts­ver­bre­chen, an dem die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche einen fun­da­men­ta­len Anteil hat. Die von Putin ange­kün­digte Umer­zie­hung aller über­le­ben­den und auf dem Ter­ri­to­rium ver­blei­ben­den Ukrai­ner soll nicht nur eine „Ent­na­zi­fi­zie­rung“ sein. Sie soll auch eine „Rechris­tia­ni­sie­rung“ werden. Putins Krieg in der Ukraine ist zugleich der Kreuz­zug von Kyrill I.

Textende

Hat Ihnen unser Beitrag gefal­len? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spen­den­tool. Sie unter­stüt­zen damit die publi­zis­ti­sche Arbeit von LibMod.

Wir sind als gemein­nüt­zig aner­kannt, ent­spre­chend sind Spenden steu­er­lich absetz­bar. Für eine Spen­den­be­schei­ni­gung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adress­da­ten bitte an finanzen@libmod.de

 

Ver­wandte Themen

News­let­ter


Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich einverstanden.